Friluftsliv. Was von einem wilden Sommer bleibt

Es war ein wilder Sommer. Geahnt hatte ich das vorher schon. Was ich nicht ahnte: dass er mich auf seiner letzten Etappe derart überwältigen würde. 

Weder Urlaub noch Erholung

Wenn man im ausgehenden Sommer Freunde oder auch Arbeitskolleg*innen wieder trifft, hört man gern Fragen wie diese: Wart ihr im Urlaub? Habt ihr euch gut erholt? Und ich nehme wahr, dass mir heuer auf beide Fragen als Antwort immer ein „hm…“ kam; weder der Begriff Urlaub noch der von der Erholung schien mir zutreffend.

Grandioses Finale eines wilden Sommers

Dass Nicki und ich schon im Frühjahr und Frühsommer insgesamt über 200km zu Fuß im Apennin in Italien unterwegs waren, habe ich im letzten Blogbeitrag schon erwähnt.  Dann bin ich mit meinem gerade 18 Jahre alt gewordenen Sohn 150km zu Fuß mit Rucksack und Zelt durch den äußersten Nordosten Deutschlands. Zuletzt nun führte Nicki und mich eine Reise weitere 100km zu Fuß und insgesamt über 5.000km nach und durch ein Land, das schon seit meiner ersten Begegnung vor 39 Jahren ein Sehnsuchtsort geblieben war: Norwegen.

Mit dem Herzen noch dort

Auch jetzt, da wir schon wieder mehr als vier Wochen zurück in Deutschland sind, bin ich nur zum Teil wirklich wieder angekommen. Ein Teil meines Herzens ist irgendwie dort geblieben. Was genau hat diese große Resonanz erzeugt?

Slow travel

Unsere Reise nach Norwegen begann mit nachbarlicher Unterstützung eines schwedischen Bahnunternehmens: Juhuu, wir müssen nicht fliegen! Der Snälltåget bringt uns für 90 EUR pro Person von Berlin nach Oslo – und zurück. Wir lieben Zugfahren. Und das noch zu diesem unglaublichen Preis! Gut, es ist ein Nachtzug und wir haben keinen Platz im Schlafwagen, nur einen Sitz; aber das macht uns nichts aus. Wir lieben dieses langsame Reisen (slow travel). In den 48h kommt die Seele zumindest halbwegs mit – das Fliegen ist uns einfach zu schnell.

Schauen und Staunen

Wir steigen abends in Berlin ein und fahren über Nacht über Hamburg und Kopenhagen nach Malmö. Dort steigen wir frühmorgens um in den Partnerzug nach Oslo. Und bekommen im Krogen (Bordrestaurang) erstmal Frühstück: Kannelbulla (Zimtschnecke), herzhaftes Sandwich und, ganz skandinavisch, Filterkaffee – und zwar so viel wir wollen. Wir lieben das Fahren und unsere Augen kleben am Fenster; wir kommen an in dieser grandiosen Landschaft. Am frühen Nachmittag sind wir schließlich in Oslo. Wir gehen aus der Sentralstasjon heraus und trauen unseren Augen nicht, wie nah wir hier am Fjord sind und wie spektakulär die Gebäude dieses ganzen Viertels um den Hauptbahnhof und am Oslofjord sind. Allen voran: die Oper und das „Munch“, das neue Museum, in dessen Mittelpunkt natürlich die Werke des gleichnamigen Künstler stehen.

Spektakulär schön: Land und Stadt

Diese ersten Eindrücke unserer Reise liefern bereits eine erste Antwort auf die Frage nach dem Warum der so großen Resonanz: Zur wilden, schönen und puren Naturlandschaft kommt in Norwegen spektakuläre urbane Architektur – gepaart mit der charmanten Schönheit der vielen historischen Gebäude, Brücken und Kirchen. Das wird uns später in Trondheim wiederbegegnen und natürlich auch in Bergen. Gerade aber in Trondheim haben wir uns so schockverliebt wie ins ganze Land.

Wiederbegegnung mit einer Seelenschwester

Nein, Norwegen, war kein Urlaub. Irgendetwas hat uns so tief berührt, dass man nicht einfach von einer Urlaubsbekanntschaft reden kann. Wir sind diesem Land begegnet wie einer Seelenschwester. Einige Tage und Nächte haben wir in diesen meist einfachen Hütten verbracht. Sie liegen zu Tausenden weit verstreut in den Wäldern, an den Seen, an den Fjorden und Schären. Unmöglich, sie alle an die uns so selbstverständlichen Strom- und Abwassersysteme anzuschließen. Eine Toilette gibt es draußen im Holzschuppen. Ohne Spülung. Trinkwasser bringt man mit oder filtert bzw. trinkt man direkt aus dem See oder Bach. Licht spenden Kerzen. Gekocht wird auf einem Campingkocher. Für uns war das die Wiedererinnerung an die mehr als zwei Jahre, die wir in einer Yurte gelebt haben, auf einem Gutshof im Bayerischen Wald. (Dazu gibt es hier auf diesem Blog viele Beiträge zum Nachlesen.) In den Hütten zu sein, das Feuer im Holzofen zu schüren und Kerzen anzuzünden, war für uns wie ein Heimkommen.   

Glück und Fülle des einfachen Lebens da draußen

Und in gewisser Weise war die Zeit dort auch keine Erholung. Wir waren auf über 100 Kilometern zu Fuß unterwegs mit monsterschweren Rucksäcken. Wir haben im Zelt geschlafen, Wasser gefiltert, uns (mit Fertignahrung) selbst versorgt. Wir sind mit viel Sonnenschein beschenkt worden und es war auch kalt; vor allem abends und in der Früh. Das Gehen, das Atmen, der Wald, das Alleinsein, die Landschaft, alles wie ein intensiver Traum und ein Rausch der Sinne. Ähnlich auf den spektakulären Zugfahrten über das Dovre-Fjell Richtung Trondheim und von Bergen über das Hadangervida zurück an unseren Ausgangspunkt nach Oslo, dazwischen die Schiffspassage von Trondheim nach Bergen: Das Buch, das jeder von uns beiden dabei hatte, konnte nicht gelesen werden, weil unsere Augen, Ohren, Nasen und die Haut aus dem Empfangsmodus nicht mehr herauskamen. Und Verstand und Herz mit Mühe versuchten, das mit den Sinnen Aufgenommene in Gedanken und Gefühlen unterzubringen. Nein, Erholung ist das nicht. Es ist vielmehr die schönste Form von Anstrengung: ein einziger Flow. Wie ein dauerhaftes Verweilen in einem Sterne-Restaurant mit einer nicht enden wollenden Reihe an Gängen im Menü.

Friluftsliv. Selbstverständlich unter freiem Himmel sein

In den Tagen und Wochen, da dieser wilde Sommer in mir nachklingt, bin ich auf einen norwegischen Begriff gestoßen, der unsere große Resonanz mit einem einzigen Wort beschreibt:  Friluftsliv.

Das wörtlich übersetzte „Freiluftleben“ geht zurück auf den norwegischen Schriftsteller Henrik Ibsen, der den Begriff im 19. Jahrhundert prägte, das Phänomen und die Haltung dahinter aber selbstverständlich in der skandinavischen Lebensweise und Kultur vorfand, da sie in den Menschen verankert ist. Es geht um achtsame Naturverbundenheit inklusive Respekt vor all den anderen Wesen da draußen; selbstverständliches draußen Sein unabhängig von Wetter und Jahreszeit; Einfachheit, also mit wenigen technischen Hilfsmitteln unterwegs Sein und naturnah leben; ohne Wettkampfcharakter oder Leistungsdenken gehen, wandern, Boot fahren, Skilanglaufen etc.; Freie Zeit jenseits des Konsumdenkens; Entschleunigung und miteinander Sein, etwa am Lagerfeuer sitzen.

„Tysen takk, Norge“ und „a presto in Italia“! 

Nach diesem wilden, schön, langen Sommer bleibe ich mit erfüllten Herzen, staunend und einem „tysen takk“ zurück, diesem „tausend Dank“, das die Norweger so selbstverständlich benutzen wie die Italiener „grazie mille“. Tausend Dank für die Er-innerung an Wesentliches; an das einfache große Glück und das heilende Potenzial des Draußenseins.

Und apropos Italien: Ich freu mich jetzt schon riesig auf die wundervollen Gelegenheiten zum „Friluftsliv“, die Nicki und ich für nächstes Jahr haben – und die wir mit einer herzlichen Einladung an alle „da draußen“ mitbringen: Plan dir „Friluftsliv“ ein und sei bei einem unserer drei (!) Retreat-Angebote nächstes Jahr in Bella Italia dabei:

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