Ogni passo è sacro. Jeder Ort, jede Begegnung, jeder Schritt ist heilig 

Nach dem Ende unserer Vorbereitungstour wagen wir uns auf neues Terrain. Wir gehen von Rieti aus weiter Richtung Süden – unser Ziel: Rom! Zuvor aber genießen wir den Abend in Rieti, eine Stadt, der wir bisher noch gar nicht so recht Aufmerksamkeit schenken konnten.

Rieti, die unbekannte Stadt

Rieti ist dem gemeinen Italienurlauber unbekannt. Zu viele andere, größere, bekanntere Städte genießen Vorrang. Wir entdecken am Abend natürlich zu Fuß die Stadt und landen unter anderem in einem Supermarkt, der in einem sagenhaften historischen Gewölbe beherbergt ist, das in Deutschland ein schmuckes Museum, eine Sternerestaurant oder etwas anderes sehr Besonderes abgeben würde. Nur in Italien ist so etwas offenbar so „normal“, dass man auch einen Supermarkt daraus machen kann. Und wir freuen uns einfach über einen so spektakulär schönen Supermarkt. So wie wir in all diesen kleinen (und mittelgroßen) italienischen Orten immer wieder so viel schönes Wundervolles entdecken: Eine Bar, einen dieser kleinen Lebensmittelläden, Gassen, Palazzi, Brunnen, Menschen.

Die Brücke und der Berg

Uns wird sogar bewusst, dass Rieti Ähnlichkeiten mit Regensburg hat. Ähnlich wie in unserer Heimatstadt gibt es eine historische – anders als in Regensburg natürlich: römische – Brücke. Sie führt über den Fluss Velino und damit aus der Altstadt heraus in einen anderen Teil der Stadt (ähnlich wie die Steinerne Brücke in Regensburg über die Donau hinüber nach Stadtamhof führt). Von dieser Brücke aus genießen wir in der Abendsonne einen Blick auf das spektakuläre Massiv des 2.217m hoch gelegenen Monte Terminillo, der noch satt mit Schnee bedeckt ist. Der Terminillo wird uns in den nächsten Tagen immer wieder ein Orientierungspunkt sein und wir werden weitere schöne Ausblicke auf ihn erleben.

Le tre porte, die drei Tore

Zum Abendessen führt uns der Weg in ein besonderes Restaurant: „Le tre porte“, Slowfood-Küche und Teil einer sozialen Kooperative, dessen Geschäftsführer wir im Laufe des Abends kennen lernen dürfen, auch weil er einige Jahre in Hannover gelebt hat und entsprechend sehr gut deutsch spricht. Er erzählt uns vom Konzept der Kooperative, die u.a. Studierenden neben Coworking-Space auch vergünstigtes Essen anbieten. Sowohl die Küche als auch das gesamte Team haben uns so begeistert, dass wir gleich hier für unsere Gruppe vom Pilgerretreat Ende Mai einen großen Tisch reservieren.

Überall lauert Wundervolles

Wenn wir es wollen, betreten wir mit jedem Schritt heiligen Boden. Wir können achtlos durch die Gegend laufen und das überall wartende Schöne, die überall lauernden Wunder schlichtweg verpassen. Und wir können uns öffnen, aufmerksam sein und das Schöne und Wundervolle erwarten. Und es kommt direkt zu uns. 

Der Grill: Geschmacksträger, Heizung und Fernsehen

Schon am Ankunftsabend in Assisi haben wir das erlebt. Wir waren hungrig. Es war frisch. Wir kannten das Ristorante La Stalla, das zu der Anlage gehört, wo wir uns auch für die Gruppe eingebucht hatten, bisher nur vom Sommer und da sitzen alle draußen. Wir wussten aber, dass es innen einen großen Grill gibt… Und wir betreten den ehemaligen Stall (nein, it. la stalla ist tatsächlich kein false friend, sondern heißt auf deutsch wirklich „Stall“) – und bekommen einen kleinen Tisch und sitzen auf zwei Stühlen fronte griglia, direkt vor dem wundervollen Grill: Wir essen nicht nur vorzüglich, wir haben wir es kuschelig warm, wir schauen den ganzen Abend in die Glut des Grills:  Griglia TV.

Bilderbuch fürs Auge und für die Seele

Wir kommen am 1. Tourtag schon nach nicht mal einer Stunde nach Carceri – diese eindrucksvolle Einsiedelei des Heiligen Franziskus nahe seiner Heimatstadt. Noch heute verzaubert dieser Ort in spektakulärer Lage mit seiner mystischen Atmosphäre. Der Weg führt uns weiter tief in den Wald hinter das Kloster hinauf auf den Monte Subasio, diesen markanten Berg, an dessen Hängen Assisi liegt. Und wir landen an diesem 1. Tag in Spello, ein römisches Städtchen wie aus dem Bilderbuch – Lieblingsort vieler US-Amerikaner. 

Von Menschen geschaffenes Natur-Spektakel

Und so geht die Tour weiter über Spoleto mit seiner spektakulären Viaduktbrücke, dem Ponte delle Torre, hinauf nach Patrico und dem ältesten Agriturismo Italiens, in dem schon Richard Gere mit seiner Frau zu Gast war. Wir überschreiten den Monte Fionchi und kommen ins Bergdorf Ferentillo (siehe der letzte Blogbeitrag). Von dort geht es dann über die sagenhafte Cascata delle Marmore nach Piediluco. Die Cascata ist ein schon zu römischer Zeit (3. Jahrhunder vor Christus!) künstlich angelegter Wasserfall, der das Wasser des Flusses Velino aufstaut und ist nicht nur der höchste von Menschen geschaffene Wasserfall sondern ein faszinierendes Naturschauspiel.

Begegnung mit franziskanischem Erbe

Auf dem Weg nach Poggio Bustone kommen wir in das entzückende Burgdorf Labro und hoch oben im Apennin an einer uralten Buche vorbei, die schon Franziskus heilig gewesen sein soll. Im Dorf Greccio, ebenfalls hoch oben gelegen, hat der Heilige Franz erstmals die Geburt Jesu mit Tieren und Menschen dargestellt – und damit die Weihnachtskrippe erfunden. Im Rietital treffen wir auf unserem Pilgerweg auf insgesamt vier Heiligtümer (Santuarii), weitere noch von Franziskus persönlich gegründete Klöster, alle mit einer bis heute sehr berührenden spirituellen Atmosphäre.

Wo die Welt noch in Ordnung ist. Fast

Auf unserem weiteren Weg treffen wir auf so viele schöne Dörfer. Und wundervolle Menschen. Rox und Claudia etwa, zwei in das winzige Dorf Lugnola eingewanderte Belgier, die hier ein B&B führen. Der Abend mit ihnen führt uns tief hinein in ihre Erfahrungen mit dem Leben hier in einem so abgeschiedenen Landstrich Italiens. „Wir leben hier so wie meine Großmutter noch gelebt hat“, sagt Rox. Hier gäbe es nur Nachbarn und Freunde. Genau 42 an der Zahl. Die Kinder sind hier wirklich noch viel draußen unterwegs und brauchen kein Handy. Die beiden Belgier, die sehr gut italienisch sprechen, seien hier vom ersten Tag an in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden und genießen das Leben mit dem B&B, ihren Gästen und dem Olivenhang, den sie bewirtschaften. In vielerlei Hinsicht ist hier die Welt noch in Ordnung. Und doch gibt es auch die Schattenseiten, erzählt uns Claudia, mit der wir englisch reden können, was uns hilft, in etwas tiefere Gespräche zu kommen; sie selbst antwortet allerdings konsequent auf italienisch, das sie viel besser kann. Damit üben wir uns im Italienisch hören – auch sehr wertvoll.

Zu Karfreitag im Paradies

Nachdem wir das Pankratius-Massiv überschritten haben und in mit Calvi dell’Umbria in einem weiteren zauberhaften Burgdorf übernachtet haben, kommen wir Tags darauf, es ist Karfreitag, schließlich in Pinos B&B La vecchia Quercia – „die alte Eiche“. Was wir dort erleben, ist ein eigener Blogbeitrag wert. Nur so viel für den Moment: Nirgendwo sind wir – als Fremde – noch liebevoller empfangen worden, nirgends haben wir ein noch schöneres Zimmer gehabt und nirgendwo sonst sind wir noch krasser bewirtet und verköstigt worden. 

Über die Sabiner Berge nach Rom

Schließlich kommen wir in die sanfteren Sabiner Berge. Und wir enden im Klosterdorf Fara, wo wir die Osternacht verbringen. Am Ostersonntag legen wir die letzten Kilometer auf Rom zu wie geplant mit dem Zug zurück. In Rom angekommen gehen wir zu Fuß zur Figurengruppe um den Heiligen Franziskus, die Nähe der Lateranbasilika errichtet wurde im Gedenken daran, dass Franziskus hier, am damaligen Papstsitz, von Innozenz III. die Bestätigung seiner Ordensregel erhielt. Da diese Reise von Franziskus der Hintergrund des Pilgerwegs ist, der von Assisi über Rieti nach Rom führt, ist das für uns entsprechend der stimmigste Ort, unsere Pilgertour abzuschließen.

Die Explosion des Lebens

Und wir machen die Schritte hin und hinein in den Lateran. Wohl gemerkt: Es ist Ostersonntag. Und just in dem Moment beginnt der Ostergottesdienst. Obwohl wir wenig festlich gekleidet sind. Wie es Pilger eben ist: Sie haben auch bezüglich Kleidung nur das Nötigste dabei. Wir lauschen den schönen Gesängen, genießen den prächtigen Kirchenbau. Wir hören uns hinein in das Italienisch beim Ablauf der Messe und bei den biblischen Texten. Als der der Messe vorstehende Bischof zu predigen beginnt, verstehen wir nur noch spärlich. Was mir aber sehr gefällt, ist wie er das Osterereignis dann beschreibt: l’esplosione della vita, „die Explosion des Lebens“. Diese Macht der Auferstehung des Lebens erleben wir in unseren Breitengrade gerade in diesen Wochen jedes Jahr: Die grauen und schier toten Bäume beginnen auszutreiben, junge Blätter zeigen sich überall und bald sind die Bäume im Blütenrausch. Ja, das ist es, das Sterben im Leben und das Leben aus dem Sterben heraus. 

Wir brennen für das Gehen, für das Pilgern auf dem Franziskusweg. Wir brennen für das Leben. Nicht jeder Schritt ist schmerzfrei und nicht jeden Schritt gehen wir gerne. Beim Pilgern wie im Leben. Bei manchem Schritt wissen wir nicht, wozu er gut sein soll. Doch wir lernen: Jeder Schritt heilig. Ogni passo è sacro.

Für den Pilgerretreat vom 22. bis 30. Mai 2026 ist aktuell noch ein Doppelzimmer frei. Wenn dich das Gehen in der von Nicki und Christian begleiteten Gruppe auf diesem grandiosen Weg ruft, melde dich bei uns auf herz@cordat.org! Mehr Informationen findest du auf http://www.cordat.org bzw. direkt hier!


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