Seit etwa einer Stunde schüttet es wie aus Eimern. Zwei Franziskaner aus der Gemeinschaft in La Foresta bringen uns zehn Pilger mit zwei Autos hinunter nach Rieti. Meine Liebste und ich zu zweit vorne auf dem Beifahrersitz, hinten sitzen sie zu viert. Wir fühlen uns wie späte Hippies in den 1970er Jahren.

Enrico for President!
Anarchie im Straßenverkehr. Sein Kollege Enrico sei im früheren Leben Polizist gewesen, meint unser Fahrer. Sie steuern den Bahnhof an, da der nahe zu unserem Hotel liegt. Am Bahnhofsvorplatz aber stapfen Leute fast knietief im Wasser. Keine gute Idee, meint er, und angeführt von Enrico steuern beide Fahrer ihre Fahrzeuge rückwärts wieder heraus – gegen die Einbahnstraße durch die Tiefgarage hindurch und wieder oben rückwärts hinauf Richtung Hotel. „Enrico for President“ skandieren wir im Auto und können schließlich bequem und trockenen Fußes aussteigen und die wenigen Meter zum Hotel zurücklegen. Und werden einen tollen letzten Abend mit unserer Pilgergruppe genießen.

Herausforderungen des Abenteurs Pilgern
Kürzlich waren wir zu einem Pilgertretreat mit einer Gruppe in Umbrien. Der Respekt vor dieser Tour in den umbrischen Bergen ist nach diesem Retreat eher noch gewachsen. Schon im Vorfeld war klar: Es warten Herausforderungen. Nicht nur für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch für uns in der Begleitung der Gruppe. Mancher fragt sich: Schaffe ich das mit meinem Knie? Habe ich den richtigen Rucksack – oder zu viel drin? Hab ich genug Kondition? Wieviel „Gruppe“ mag ich überhaupt? Wir fragen uns: Wie heiß wird es sein? Sind dann die Etappen zu lang? Klappt alles in den Unterkünften? Funktionieren die Bus- und Zuglinien für die Anreise und die Transfers?

Durch Hitze und Gewitter
Tatsächlich war es heiß und die Hitze hat sich im Lauf der Woche zu Gewittern gesteigert. Tatsächlich hat uns die Bahn einige Streiche gespielt. Tatsächlich haben wir einige Tagesetappen angepasst – und der Bus hat uns nicht im Stich gelassen. Das Gewitter hat uns zwei Tage hintereinander erwischt. Am ersten Tag mitten auf der Strecke, am zweiten Tag waren im Trockenen im oben schon genannten Santuario Maria della Foresta. Tatsächlich waren wir alles in allem behütet und gesegnet und auch in unserer Gruppe haben sich alle ihren Herausforderungen gestellt und wundervoll zusammengewirkt – so sehr, dass für alle gerade das gemeinsam Erleben der Tour als Gruppe mit das Schönste war!

Geweint, gelacht, getanzt
Das gemeinsame Gehen, das gemeinsame Sein war eine tiefreichende Erfahrung. Wir haben gestaunt, wir waren von den Ausblicken über die Berge und die Täler, von der Schönheit der Orte verzaubert. Wir haben auf dem Weg und in den Kapellen gesungen, wir waren bewegt und vielen standen Tränen in den Augen. Wir hatten vor Ort Begegnungen mit unseren Gastgebern und anderen Pilgern, die uns im Herzen berührten. Wir haben köstlichst gegessen, wir haben ausgiebig Espresso und Cappuccino getrunken. Wir haben gelacht – mein Gott, was haben wir zusammen gelacht!! Am letzten Abend haben wir bei einem Absacker an Stehtischen einer Bar auf dem Marktplatz von Rieti getanzt.

To be tramely
Wir waren von einfach bis fürstlich untergebracht. Wir hatten unsere Einzel- und Doppelzimmer. Und doch: Wir haben für eine Woche das Leben zusammen geteilt. Das Gehen, die wundervolle Natur um uns herum, die italienische Lebensart, die Offenheit, die jede*r mitgebracht hat, viele kleine und große gemeinsame Momente haben uns auf eine Weise zusammengeschweißt wie eine Pilgerfamilie. „Tramely“ hat ein Amerikaner das auf dem Weg mit einem Kunstwort bezeichnet, die Trail-Family.
Der Weg sorgt für dich
Der Weg hat für uns gesorgt. Es gab die Momente des Nichtwissens, der Unklarheit: Was tun jetzt? Wenn wir ins Vertrauen gehen, tun sich Lösungen auf, Antworten, neue Wege. Als Pilgernde nehmen wir diese Erfahrungen mit: Wenn wir uns selbst etwas zutrauen, wenn wir die Gruppe als Ressource erkennen und auch darüber hinaus Unterstützung und hilfreich Überraschendes erwarten, können wir alles schaffen. Und das gilt nicht nur fürs Pilgern sondern fürs ganze Leben.

Ganz unkompliziert und ohne Ordentstracht gekleidet haben uns die Franziskaner vom Santuario Maria della Foresta wie Engel sicher nach Rieti und bis vor die Haustür unseres Hotels gebracht haben. Nur einer dieser Momente, für die es sich lohnt, aufzubrechen, zu gehen, zu pilgern. Auf diesem Blog gibt es schon viele dieser Pilgergeschichten. Und weitere Beiträge mit solchen wundersamen Geschichten aus dem aktuellen Pilgertretreat werden in den nächsten Tagen folgen. Wenn du keinen verpassen willst, kannst du diesen Blog abbonieren. Wir freuen uns!
Der nächste Pilgerretreat steht bereits fest. Die Tour von Assisi nach Rieti ist schon online und buchbar. Und wir werden nächstes Jahr auch weitergehen von Rieti nach Rom; auch dazu folgt eine Ausschreibung auf unserer Homepage!

