Mia kumman ausm Süden. Arriviamo dal Sud

Einige Jahre habe ich ihn nicht mehr auf der Bühne gesehen. Heute ist es soweit. Irgendwo im fränkisch-schwäbischen Grenzland gibt es eine Stadthalle. Der Saal ist nur gut zur Hälfte gefüllt. Obwohl der noch mehr Stuhlreihen fassen würde. Ich erschrecke ein wenig, als ich sehe: Mehr werden es nicht. Nein, die Zeiten für Liedermacher und Künstler, die von der analogen Begegnung mit Publikum leben, sind auch nach der Pandemie nicht wieder besser geworden.

Wiederbegegnung von Herzen

Werner Schmidbauer solo auf Tour unter dem Titel „Bei mir“.

Werner Schmidbauer begrüßt die Anwesenden herzlich. Und seine Freude über die Anwesenheit derer, die da sind, wirkt echt. Keine Klage über die, die nicht da sind. Ihn wieder zu sehen, berührt mein Herz. Er ist noch weicher geworden. Wirkt etwas stiller, zurückgenommen. Sein Körper ist etwas hagerer. Weich und geschmeidig bewegt er sich zu seiner Gitarre allein auf der Bühne.

Süden im Herzen

Es ist mittlerweile fast 15 Jahre her, da ich ihn für ein Projekt interviewen durfte. Und damit persönlich kennen lernen. Heute höre ich seine Lieder noch viel bewusster. Und spüre, wie seine Texte, seine Ausstrahlung genau meine Frequenz trifft. Echte Herzensnähe. Noch Wochen über das Konzert hinaus klingt die Wiederbegegnung mit Werner Schmidbauer nach. Ich höre das Süden-Album bzw. das Live-Konzert in der Arena di Verona mit Martin Kälberer und Pippo Pollina rauf und runter. Drei Lieder sind mir direkt ins Herz hineingewachsen: „Bruno“, „Die ganz große Kunst“ und „Des Lebn“:

Wia duster, wia voller Angst, wia ganz alloa. Wia hoffnungslos und wia bunt und wia bacherlwarm und liacht und wia sonnenklar. Wia arm und wia reich und wia wunderbar is des Lebn. Wia flüchtig. Wia ewig. Wia zärtlich. Wia wunderbar is des Lebn. Wia koit. Wia gnadenlos. Wia zynisch. Wia furchtbar groß. Wia weich und wia zärtlich. Wia staad und wia unerklärlich.

Werner Schmidbauer
Der Eingang zur Arena di Verona – dem spektakulären letzten Konzert der „Süden“-Tour von Werner Schmidbauer, Martin Kälberer und Pippo Pollina. – Photo by Gu00e1spu00e1r Ferenc on Pexels.com

Bei Niederlagen das Herz nicht verlieren

Gestern mussten wir ein berufliches Projekt canceln. Heute hätte es gestartet. Ich versuche, mir ein Beispiel an Werner Schmidbauer zu nehmen. Nicht klagen über das, was nicht ist. Und ich versuche wach dafür zu sein, was diese Niederlage mit mir macht. Wach im Kopf und wach im Herzen dafür, wie ich das verarbeite. Und: Was es mir sagen möchte. Ohne Druck, das jetzt und gleich wissen zu müssen. Natürlich entsteht erst einmal ein ganzer Tag Freiraum. Ursprünglich verplante Zeit wird plötzlich „frei“. Und so schreibe ich endlich den Beitrag über die Wiederbegegnung mit Werner Schmidbauer fertig.

Manchmal bleiben selbst im schönsten Seminarraum der Welt die Plätze leer.

Auch wenn es knirscht

Auch wenn es knirscht und knackt und nicht so rund läuft, einfach das Beste daraus machen. Schritt für Schritt, weil es nur so geht.

Lars Amend

Vorgestern war dieser passende Spruch auf dem Tagesabreißkalender, den wir von meiner ältesten Tochter zu Weihnachten geschenkt bekommen haben.

Des Lebn

Das Leben ist und bleibt immer wieder auch ein Geheimnis. Es ist nicht so oder so. Es ist, was es ist. Kümmert sich nicht um meine Deutungen. Dennoch versuche ich, es zu lesen. Meine Wünsche, meine Projekte, meine Ziele mit der Magie meines Lebens in Einklang zu bringen.

Im Wald oberhalb des Guts tanke ich immer wieder den Süden.

Bayerisch-italienische Freundschaft

Mia kumman ausm Süden. Arriviamo dal Sud. Diese Zeile beschreibt für mich die Verbindung zu Werner Schmidbauer. Die Zeile stammt aus seinem Lied „Die ganz große Kunst“. Ich liebe diese Verbindung von Werner Schmidbauers Bayerisch mit Pippo Pollinas Italienisch. Weil auch ich meine Heimatsprache Bayerisch und gleichzeitig das Italienische liebe. Und es ist das Gefühl, „aus dem Süden zu kommen“. Als Bayer natürlich aus dem Süden Deutschlands. Es zieht mich auch regelmäßig in den Süden. Besonders nach Italien. Mit wenigen Ausnahmen bin ich dort seit etwa 30 Jahren fast jedes Jahr. Manchmal sogar mehrfach.

Photo by Krisztina Papp on Pexels.com

Ein Freund des Lebens sein

Ich mag auch den Norden. Die Kälte, Schnee, richtigen Winter. Aber ich bevorzuge die Wärme. Den Süden. Und ich habe das Gefühl, „aus dem Süden zu kommen“. Meinem ganzen Wesen nach wie Werner Schmidbauer oder Pippo Pollina ein Freund des Lebens zu sein. Der Menschen, der Kinder, der Bäume, der Landschaften, der Tiere. Des Körperlichen, der Gefühle und auch der Gedanken. Ich liebe die Heiterkeit, die Herzlichkeit und die „dolce vita“ Italiens bzw. des Südens. 

Die Yurte steht ganz im südlichsten Eck des Guts.

Das Gut im nordöstlichsten Süden

Vielleicht ist das Gut, wo ich jetzt lebe, der nördlichste Punkt des Südens und der östlichste. Und die Yurte steht am südlichsten Punkt des weitläufigen Grundstücks. Auch wenn einem hier in der Gegend manchmal die rauhe Oberpfalz entgegentritt: Ich fühle mich hier im Süden. Wir hier auf dem Gut tragen fast alle auch dieses ostbayerische Gen in uns, „den Wald“. Aber wir kommen dem Herzen nach ausm Süden. Wir kreieren hier Süden. Ganz im Sinne Werner Schmidbauers, der in dem Lied „Die ganz große Kunst“ noch vor der großen Flüchtlingswelle 2015 die Zeichen der Zeit deutete – und was es für uns gilt, aus dem Süden zu lernen. 

Boid scho, da schlaffan de Miadn ei, schlaffan einfach ei und san weg.
Und es wird für uns alle der Süden sei,
da wo de Menschlichkeit wach is und lebt. Mia kennan nur nur wachsen durch’s kleana werdn,
kennan reicher werdn nur no durch’s gebn.
Und des Recht auf a Zukunft wird olle kean,
und a de Pflicht, mitanander zum lebn, in Frieden zum lebn.

Werner Schmidbauer

2 Kommentare zu „Mia kumman ausm Süden. Arriviamo dal Sud

  1. Jaaa beim lesen des Blog´s Arriviamo dal Sud entspringt in mir wieder die Sehnsucht nach Italien. Corona hat sie nach ganz hinten in mein Herz verdrängt. Danke Christian auch der Songwriter Werner Schmidbauer trifft mich in seiner ehrlichen schlichten Echtheit mit seinen Texten bis in den Zellkern meines Seins. Ein Beitrag unbeschwerter Freude von dir ,es weichen trübe Gedanken und Ängste in diesen unruhigen Zeiten wofür ich dir ganz herzlich danke.

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