Non è una passeggiata. Der Pilgerweg des Lebens ist kein Spaziergang

Darauf waren wir nicht vorbereitet. Am ersten Tag konnten wir, wo es windgeschützt war, sogar im T-Shirt gehen. Dort aber, wo wir am nächsten Tag unterwegs sein wollten, heißt es nun, liegt Schnee und es gibt eine Unwetterwarnung mit Windböen, Schnee und Eis. Was tun?

Die Vorbereitung des Lebens (Genitivus objektivus). Wenn wir uns auf das Leben vorbereiten wollen

Wir wollen ein letztes Mal, bevor wir Ende Mai mit einer Gruppe hier zu einem Pilgerretreat unterwegs sein werden, die Strecke noch einmal selbst gehen. Die zweite Etappe müssen wir überspringen, da das legendäre Agriturismo hoch oben auf dem Berg noch nicht geöffnet hat. Deshalb hatten wir ein Taxi bestellt, das uns dort hinaufbringt, um dann die dritte Tagesetappe über das Monte-Fionchi-Massiv hinunter ins Bergdorf Ferentillo zu gehen.

Am Abend unseres ersten Pilgertages sagen wir das Taxi schließlich ab, da die Warnungen deutlich sind. Dann legen wir schon am 2. Tag einen Pausentag ein – oder sehen, ob wir diese Etappe am Ende noch „dranhängen“ können? Ganz zufrieden stellt uns das alles nicht.

Die Vorbereitung des Lebens (Genitivus subjektivus). Wenn das Leben uns vorbereitet

Wir beschließen, am nächsten Tag wie ursprünglich geplant aufzustehen und uns zum spektakulären Ponte delle Torre zu begeben, den wir mir der Gruppe überschreiten werden und wo wir das Taxi hinbestellt hatten. Als wir vor Ort sind und die aktuelle Wetterlage selbst spüren können, gehen wir in die winzige Bar und wollen noch einmal reinspüren, ob wir bereit sind, zu gehen (und das Taxi noch einmal ordern) oder nicht. Nach einem wundervollen Americano bzw. Cappuccino kommen wir beide zum gleichen Ergebnis: Andiamo! Wir gehen.

Wenn das Leben einen Engel schickt

Roberto, unser Taxifahrer, ist „in 7min da“, schreibt er, und in dieser Zeit gönnen wir uns einen zweiten Kaffee. Roborto ist nicht einfach ein Taxifahrer. Er hat uns schon einmal hier hoch gebracht. Was wir aber bisher nicht wussten: Er arbeitet selbst für eine Agentur, die Pilgerreisen auf dem Franziskusweg anbietet, ist also mit Pilgernden und auch mit der Gegend und dem Wetter bestens vertraut. Er bestärkt uns in unserer Entscheidung. Und er ist für uns natürlich der perfekte Kontakt auch für die Touren mit den Gruppen.

Jenseits der Komfortzone

Mit Roberto oben angekommen wird klar: Ja, hier liegt eine geschlossene Schneedecke, doch es blitzt sogar die Sonne durch. Wir freuen uns über den Wink und brechen auf. Aus Erfahrung wissen wir: Die Tagestour hat es in sich. Und, ja, wir bekommen auch Windböen und Schneefall. Dass es keinen wirklich markierten Weg gibt und wo Markierungen wären, wir sie bei diesem Wetter nicht finden, das war uns klar. Diese Etappe kann man nur mit GPS gehen. Wir haben die Route offline auf unserem Handy und das Navigieren stellt damit kein Problem dar. Pausen auf der Kräfte zehrenden Etappe sind allerdings kaum möglich. Nicht, dass wir nicht die Zeit hätten, aber wir dürfen in Bewegung bleiben und die damit die nötige Eigenwärme erzeugen. Pause machen und dabei auskühlen ist uns zu unangenehm, weshalb wir unsere Brotzeit mehr im Gehen essen; einen gemütlichen Pausenplatz bzw. einen Unterschlupf gibt es ohnehin nicht in dieser Menschen leeren Bergregion. 

Lupi! Die Präsenz von Wölfen

Auf Menschen treffen wir tatsächlich nicht. Wohl aber auf Tiere. Und Hinweise auf Tiere. Plötzlich ist der Weg vor uns voll von frischen Pfotenabdrücken im Schnee: Wölfe. Da es nirgends entsprechende Schuhabdrücke gibt, kann es sich nur um Wölfe handeln. Tatsächlich gibt es im gesamten Appennin viele Wölfe, und ein Einheimischer bestätigt uns später in Rieti anhand der Fotos, die wir gemacht hatten, dass es sich bei den Spuren eindeutig um den Wolf handelt. Natürlich gibt es für einen Moment dieses mulmige Gefühl; und die Wölfe sehen uns wohl längst aus sicherer Entfernung. Es überwiegt aber schnell die Erkenntnis, dass kaum ein Wolf hier Menschen angreifen würde und es ist uns eine Freude, dass uns die Ehre der Anwesenheit dieser würdevollen Tiere geschenkt ist.

Noch siegt der Winter

In den darauf folgenden Tagen bleibt die Wetterlage kritisch. Der kalte Wind zieht uns immer wieder unangenehm in die Glieder und auch Regen und Schnee sind immer wieder unsere Begleiter. Auf gemütliche Pausen auf der Wiese und in der Sonne müssen wir auf die Sabiner Berge warten, wenn es dann schon auf Rom zu geht.

Den Rucksack des Lebens trägt jede*r selbst

Wir erleben hautnah die Bestätigung dessen, was wir auf entsprechende Fragen von Interessierten oder Teilnehmenden unserer Pilgerretreats immer wieder sagen: Pilgern hier auf dem Franziskusweg ist keine Wellness-Veranstaltung. Und das Gehen hier im Appennin ist kein Spaziergang. Man verlässt hier die Komfortzone und kommt an seine Grenzen. Unsere bewusste Entscheidung dafür, keinen Gepäcktransport zu organisieren, bedeutet, dass jede*r seine und ihre Siebensachen täglich mit sich trägt.

Einfach gehen und staunen

Und gerade das ist neben der atemberaubenden Schönheit dieser besonderen Landschaft, die so berühmte Menschen wie einen Franz von Assisi, Michelangelo oder Dante Aleghieri hervorgebracht und geprägt haben, das Besondere und Heilsame: Die Reduktion auf das Wesentliche und auch die Einfachheit des täglichen Gehens ohne weitere To-do-Liste, das von einem Tun mehr und mehr zu einem Sein wird.

Pilgern ist das Bild des Lebens

Dabei ist das Pilgern nichts als ein Abbild des Lebens selbst: Es ist eine unglaubliche Erfahrung. Es ist eine Herausforderung. Es ist voller Wunder. Überall ist Schönheit. Es ist gefährlich. Es braucht Mut. Es braucht Resilienz. Liebe hilft immer. Manchmal ist der Weg voller Verwerfungen und es ist zäh, einen neuen Weg zu finden oder zu kreieren. Manchmal reicht es. Manchmal denkt man, es geht nicht mehr. Oft hilft auch eine sehr kleine Pause weiter. Und am Ende steht die Erkenntnis, die für das Gehen vor Ort wie für den Weg des Lebens gleichermaßen gilt: Ogni passo è sacro. Jeder Schritt ist heilig. Doch das ist schon die Geschichte des nächsten Blogbeitrags …

Für den Pilgerretreat vom 22. bis 30. Mai 2026 ist aktuell noch ein Doppelzimmer frei. Wenn dich das Gehen in der von Nicki und Christian begleiteten Gruppe auf diesem grandiosen Weg ruft, melde dich bei uns auf herz@cordat.org! Mehr Informationen findest du auf http://www.cordat.org bzw. direkt hier!

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