„Auch die Russen lieben ihre Kinder“. Oder: Was uns retten könnte

„In Europe and America there’s a growing feeling of hysteria“. So beginnt Stings „Russians“ – ein Tribute-Song angesichts der Bedrohung durch den Kalten Krieg auf seinem Debüt-Album im Jahr 1985. 37 Jahre danach taucht genau dieses Gespenst des Krieges wieder auf. Sehr konkret. Sehr real. Und mit ihm auch die Hysterie.

„There’s no such thing as a winnable war“ – so etwas wie einen gewinnbaren Krieg gibt es nicht. (Sting) – Photo by Artem Podrez on Pexels.com

Hysterische Politik

Hysterie ist heute offenbar Teil der Kultur. In den Medien. In der Gesellschaft. In der Politik. Wie sonst ist zu erklären: dass Journalist*innen jede*n halbwegs prominente*n Russ*in auffordern, sich öffentlich „angemessen“ von Putin zu „distanzieren“; dass ein Lebensmittelhändler seinen „Russischen Zupfkuchen“ zum „Zupfkuchen“ umbenennt; dass ein deutscher Kanzler nach eigenem Bekunden eine 180-Grad-Wende hinlegt und mal so 100 Milliarden Euro aus einem „Sonder-Etat“ für die Ausstattung der Bundeswehr hinwirft? Was kann das anderes sein als aktionistisches Symbolhandeln? Einen Putin wird man damit nicht beeindrucken. Offenbar ist es „unser Volk“, das so etwas zur Beruhigung in Zeiten von (atomarem) Kriegsgeschrei braucht. Und auch die Rückkehr-Debatte um die Wehrpflicht gibt es noch hinten drein. Nichts dürfte gefährlicher in so einer Situation sein als hysterisch handelnde Politiker. Nichts wäre jetzt wichtiger als Besonnenheit.

Raus aus der Schwere und sich mit dem inneren Feuer verbinden

Inmitten dieses Geschreis und der neuerlichen Panikwelle bin ich gerade dabei, die Schwere aus den Gliedern wieder loszuwerden. Unglaublich zäh und wie gelähmt habe ich meine Glieder und Muskeln in den letzten Tagen erlebt. Tagelang konnte ich mich kaum bewegen. Die Begleiterscheinungen änderten sich nur wenig. Der Schüttelfrost vom Anfang wich einem Riesenschnupfen. Zur Schwere der Glieder kam eine Schwere im Kopf. Und immer ein wenig Fieber. Doch gut so: Fieber ist Feuer. Und Feuer verbrennt. Verbrennung ist Transformation: Eine Form wird in eine andere überführt.

Immer wieder die Tür nach innen aufstoßen. Selbst im Feuer von Krankheit lauert die Chance auf Transformation. – Foto: Christian Heitzer-Balej

Der Arbeit im Inneren Raum geben

Krankheit ist innere Arbeit. Ich schaue tief in mich hinein. Meine Begleitlektüre „Schattenwerk“ von Veit Lindau, war da jetzt nicht per se ein Aufbaupräparat. Und dennoch hat sie mich vielleicht gerade zum richtigen Zeitpunkt gefunden. Ich begegne in diesen Tagen all dem, was mich so triggert – neu. Ich nehme es bewusst(er) wahr. Ich bekomme mit, wenn ich in die Emotion gehe. Unvermittelt. Und ich versuche, diese Emotion nicht zu verurteilen. Auch wenn sie unangenehm ist. Selbst wenn es – wie gerade so häufig – Zorn ist. Viele, die mich kennen, werden mich kaum mit dieser Emotion in Verbindung bringen. Tatsächlich lauert der Zorn in meinem Schatten. Von frühester Kindheit an über meine Jugendzeit bis herein in diese Tage. Ich frage mich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben, was er mir denn eigentlich für eine offenbar so wichtige Botschaft zu überbringen hat, welchen Schatz er für mich bereithält. Und tatsächlich habe ich auch schon eine Ahnung, was mir dieser ungebetene Freund zu sagen und zu schenken hat. Vielleicht verschafft mir dieser Genesungsraum die Gelegenheit zu dieser Läuterung, zu dieser Transformation. Zur Integration dieses Anteils.

Auch die Russen lieben ihre Kinder

Ich will mich inmitten dieser nächsten Hysterie- und Panikwelle fragen, was das da draußen mit mir zu tun hat. Was ich selber erlebe. Und woran ich selber glaube.

But what might save us me and you – aber was könnte uns retten, dich und mich

is if the Russians love their children too – ist, wenn die Russen ihre Kinder auch lieben.

Sting

Was uns retten könnte, dich und mich, ist, dass auch die Russen ihre Kinder lieben. So heißt es in Stings Lied weiter. Mein Mitgefühl schließt alle ein. Nicht nur die Menschen in der Ukraine. Ich möchte mich im Vertrauen auch mit den Menschen in Russland verbinden. Zufällig (?) habe ich in den letzten Wochen einen wundervollen Vortrag* und einen ebenso bemerkenswerten Film** gesehen, wo junge Menschen sich über 2,5 bzw. 3 Jahre auf Weltreise begeben haben. Richtung Osten durch Osteuropa und die Weite Russlands hindurch, um aus dem Westen wieder zurückzukommen. Und es hat mich zutiefst fasziniert, wie diese jungen Menschen beharrlich einerseits ihrem verrückten Traum gefolgt sind und sich nicht davon haben abbringen lassen. Und wie sie gleichzeitig ihr totales Vertrauen immer wieder mit ebensolchem Vertrauen zurückbezahlt bekommen haben. Nicht zuletzt in Russland. Sogar mit spontaner Unterstützung eines Generals und eines hochrangigen KGBlers. Diese Erfahrungsberichte in der Begegnung mit Menschen über ein jahrelanges Reisen sind für mich so viel authentischer als all diese Bilder und Berichte jetzt wieder in den Medien, wo keiner genau weiß, welcher Quelle sie entstammen. Ich stütze mein Leben auf Vertrauen in und Verbindung mit konkreten Menschen.

Kriege reißen große Wunden in alle beteiligten Völker. Dennoch kann es nur darum gehen, sich wieder und wieder zu verbinden. Foto: Christian Heitzer-Balej

Schon wieder Drama und Angst

Und ich geh auch nicht schon wieder in die Angst. Genau wie vor zwei Jahren nicht. Was gestern die Angst vor der Pandemie war, ist jetzt die Angst vor dem Krieg. Ja, wir haben hier ein Drama vor der Haustür. Und ja, wir haben immer Drama, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf Drama lenken wollen. Seit acht Jahren ist Drama in Syrien. Wie lange schon im Jemen? Nebenbei: Wer führt dort eigentlich Krieg? Saudi-Arabien als Verbündeter (und mit den Waffen) der USA. Nein, es ist nicht so, dass die Russen (und die Chinesen) die bösen Kriege führen und die USA die guten. Das Märchen glaube ich schon lange nicht mehr.

Sich um die eigene Mitte kümmern

Wir dürfen uns um unsere eigene Mitte kümmern. Wann immer wir feststellen, dass wir aus dieser herausfallen, dürfen wir uns sanft wieder dorthin zurückbegeben. Die Welt braucht Menschen, die in ihrer Mitte sind. Sie braucht weder Kriegstreiber noch Angstschürer. Wir brauchen Verbindung und Verbundenheit durch Vertrauen. Wir tun uns keinen Gefallen, ganze Menschengruppen oder Völker an den Pranger zu stellen und zu isolieren.

Verbundenheit im Herzen und im Geist

Apropos Isolation. Ich wundere mich, dass plötzlich ein neuer Begriff da ist: Was bis gerade eben noch Quarantäne hieß, heißt jetzt Isolation. Was für eine Zeit. Was für Wörter: Distanz, Abstand, Quarantäne, Isolation. Wir bewegen uns langsam in der Liga von Aussatz und Gefängnis. Nein, ich fühle mich nicht isoliert. Vielmehr fühle ich mich verbunden. Mit mir selbst und vielen wunderbaren Menschen. Nach wie vor. Und ich will, dass niemand sich so fühlen muss. Noch einmal: Die Welt braucht jetzt das Gegenteil von Isolation. Wir brauchen Verbundenheit. Und wenn sie körperlich nicht möglich ist, dann bitte im Herzen. Und ihm Geist.

Das Meer vor Lesbos. Auch diese Insel hat schon viel Krieg und Leid gesehen. Und dennoch stehen die Menschen dort für große Freundlichkeit und Verbundenheit. Ein guter Ort zum Innehalten – und für unseren Sommer-Retreat. – Foto: Eva Bomhard

Inmitten dieser neuerdings aufgewühlten Umgebung, ist es so wertvoll, sich Zeit und Raum zum Innehalten zu schenken. Zeit auch, Verbundenheit mit sich und in der Gruppe zu erleben. Im Kleinen bieten das unsere online-Abendmeditationen jeden Dienstag von überall in der Welt. Wer bereit ist, mehr als eine Stunde in solches Innehalten und Verbundenheit pflegen zu investieren, die und den weisen wir auf unsere wunderbaren neuen Retreats/Auszeiten im Frühjahr und Herbst auf Gut Hötzing und im Sommer auf der griechischen Insel Lesbos hin. Alle Informationen dazu auf http://www.cordat.org!

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* Der Vortrag hieß „Auf dem Landweg nach New York“ und wurde am 22. Februar auf der wundervollen Plattform „Welt und wir“  ausgestrahlt.

** Der Film heißt „Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“, ist von 2017 und handelt von Patrick Allgaier und Gwendolin Weissers Weltreise.

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