Wie geht Frieden?

Alle Augen blicken jetzt dorthin. Alle Finger deuten auf ihn. Den Aggressor. Und – endlich, bin ich fast geneigt zu schreiben – ist es da: ein neues Thema. Das letzte hat nun mehr als zwei Jahre die öffentliche und bei vielen Menschen bis hinein in die private und privateste Debatte beherrscht. Jetzt also ein neues Thema für die „brisants“ und „spezials“ der TV-Kanäle. Natürlich ist das Thema ernst. So wie es auch das vorherige war: „Flüchtlingskrise“. Und das wieder vorherige: „Schuldenkrise“ und auch das davor usw. Und irgendwie betrifft es „uns“ ja auch. Wieder. So wie die anderen Themen davor. Die eine mehr, den anderen weniger.

Wieder einmal wird die Welt durchgerüttelt. In die Ferne sehen wir nur verschwommen. Für den Moment können wir uns an das halten, was unmittelbar vor unseren Augen ist und uns darauf einlassen. – Foto: Franziskus Rupp

Ein neues großes Thema

Endlos lassen sich jetzt wieder Motive, Reaktionen, Folgen, Szenarien diskutieren. Fast wirkt es in der Medienlandschaft so, als würden manche Medienmacher sich insgeheim die Hände reiben, endlich ein neues starkes Thema zu haben. Ich mache es kurz: Wir lenken uns ab. Brisant und Spezial sind Entertainment. Von mir aus mögen sie jemanden unterstützen bei der „Meinungsbildung“, wie es gern heißt. Allerdings habe ich auch bei diesem Thema wieder den Eindruck: Es gibt nur eine Meinung. Der Böse ist klar identifiziert. „You always need to hear both sides of the story“, klingt mir Phil Collins im Ohr. „Also hier gibt es nun wirklich keine zwei Meinungen“, werden sich an dieser Stelle manche echauffieren. Beim letzten Thema gab es die auch schon nicht mehr. So oder so: Schon mit dieser Debatte lenken wir uns ab vom Eigentlichen. Vom Wesentlichen.

So geht Frieden I: sich selbst umarmen. Und zwar mit den geschauten und bearbeiteten, sprich integrierten Schattenanteilen. – Foto: Christian Heitzer-Balej

Wie geht Frieden?

Alle deuten also auf ihn. Auf ihn deuten ist leicht. Hilft das aber dir und mir weiter? Aus der Psychotherapie und insbesondere der Schattenarbeit nach C.G. Jung* wissen wir: Wer mit dem Finger auf andere deutet, deutet zu aller erst auf sich. Und je heftiger diese Reaktion, die Schuldzuweisung, die Emotion sich zeigt, desto lohnenswerter dürfte es sein, nach dem eigenen Anteil an dem Thema zu forschen.

In diesen Tagen kamen schöne Worte in einer Mail der Yoga Akademie Mangfalltal (YAMA):

Frieden beginnt bei uns selbst. Dann, wie bei einem ins Wasser fallenden Stein, breiten sich die Schwingungen auf unser Umfeld aus. Sind wir im Einklang mit unserem Innersten, setzt sich dieser Frieden fort in die Beziehungen mit unseren Mitmenschen, und damit in das Netzwerk der ganzen Welt. Jeder von uns leistet seinen eigenen Beitrag zum Weltfrieden.

Yoga Akademie Mangfalltal (YAMA)

Jede*r kann seinen Beitrag leisten für Frieden in seinem Umfeld. Über die Arbeit an sich selbst trägt jede*r Verantwortung für den Weltfrieden. Ja, das ist ein starker Gedanke. Und er führt uns aus der Ohnmacht (oder dem Entertainment) heraus. Zu uns selbst. Zur Frage, wie wir mit unseren eigenen unangenehmen, aggressiven Anteilen umgehen. Ob wir uns ihnen stellen. Bereit sind, unseren Schatten ins Licht zu bringen. Um dadurch innerlich zu wachsen, zu reifen. Und Frieden zu finden. Frieden auszustrahlen. Und Frieden zu säen. Von Franziskus von Assisi (1183 – 1228) ist bekannt, dass er keine Angst vor den Aussätzigen seiner Zeit hatte. Er ist hingegangen, hat ihnen geholfen und sie umarmt. Von ihm stammt auch die Aufforderung „den Aussätzigen in uns zu umarmen“.

So geht Frieden II: einander umarmen. – Foto: Simone Kneip

Was ist wesentlich?

Auf meinen vorletzten Blogbeitrag „Auf die Liebe!“ habe ich von einer Lehrerin und Begleiterin eine schöne Rückmeldung bekommen. Endend mit dem lateinischen Satz: Amo ergo sum. ‚Ich liebe also bin ich‘.

Natürlich bezog sich dieses amo ergo sum auf die Erwähnung jenes cogito ergo sum (‚ich denke also bin ich‘) von Descartes in meinem Beitrag. Und da bin ich dem cogito ergo sum noch einmal nachgegangen. Heute würden wir vielleicht übersetzen: „Ich bin mir bewusst, dass ich denke“ oder „Ich bin mir des Gedankens bewusst, den ich gerade denke“ – „und deshalb bin ich“. Der Mensch zeichnet sich also dadurch aus, dass er denken kann, dass er sich bewusst sein kann, wenn er denkt und was er gerade für ein Gedanken da ist. Oder welches Gefühl. Welche Körperempfindung. Das ist auch das Anliegen der Achtsamkeitspraxis beziehungsweise der Meditation: Bewusstheit. Und vielleicht ist es tatsächlich so, dass nur der Mensch zu solcher Bewusstheit im Stande ist. Dann müsste der Satz allerdings lauten:  Cogito ergo sum homo – Ich denke (bin mir bewusst, dass ich denke), also bin ich ein Mensch. Dass wir denken können ist kein Kriterium von Sein. Denn Wesen gibt es auf diesem Planeten und im Universum gewiss noch andere als uns Menschen: Tiere, Pflanzen, vielleicht auch Steine, Kristalle etc.

So geht Frieden III: Bei Sonnenaufgang die Weite der Landschaft, den Tag, das Leben umarmen. Sein Licht und seinen Schatten. – Foto: Christian Heitzer-Balej

Amo ergo sum

Was alle Wesen auf diesem Planeten bzw. im Universum verbindet, wesentlich also, ist nicht das Denken, sondern Verbindung/Verbundenheit. Deshalb scheint mir der Satz amo ergo sum, ‚ich liebe also bin ich‘ tatsächlich viel größer, weiter und weiter führender zu sein: Die Möglichkeit, Verbindung zueinander aufzunehmen –  und Liebe ist wohl die stärkste Form der Verbindung –  ist Kriterium für Sein, für das ich bin, dafür, ein Wesen zu sein.

So wird klar, dass auch Frieden nur über Verbindung/Liebe geht. Krieg ist die stärkste Form der Trennung, das gewaltsame Aufkünden der Verbundenheit. Wir können das Deuten auf den Einen, den Aggressor zum Anlass nehmen, unsere eigene Schatten- und damit Friedensarbeit zu leisten: Zunächst erstmal mitbekommen, wenn wir auf andere deuten; sich mit sich selbst verbinden und sich fragen, was es mit einem/einer selbst zu tun hat; sich mit den verborgenen eigenen unangenehmen Anteilen versöhnen und sie Zug um Zug integrieren; die Verbindung mit anderen Wesen suchen und finden; die Kräfte der Verbundenheit untereinander stärken. So kann jede*r von uns Friedensarbeit leisten, Frieden finden und ausstrahlen und säen. Und sogar ernten.

Mit unserem Format „Achtsam sein & herzwärts leben“ hast du einen wunderbaren Raum, um mit dir selbst in Kontakt zu kommen und deine Verbundenheit zu stärken. Zugleich ist es das Basis-Modul in unserer Ausbildung zum h.e.a.r.t COACH. Die nächste Ausbildungsgruppe startet mit einem ersten Praxistag am Sonntag, 3. April auf Gut Hötzing. Wir freuen uns riesig darauf! Alle Informationen dazu hier. Infos zu unseren Retreats und weiteren Veranstaltungen und Formaten unter www.cordat.org!

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* Ich bin zu dieser Thematik kürzlich auf zwei sehr interessante Bücher gestoßen. Zum einen das umfassende wissenschaftlich orientierte von Ken Wilber, Terry Patten, Adam Leonard, Marco Morelli: Integrale Lebenspraxis: Körperliche Gesundheit, emotionale Balance, geistige Klarheit, spirituelles Erwachen. – Ein Übungsbuch, München 2010 und zum anderen – leichter lesbar – Veit Lindau: Schattenwerk. Befreie dein verborgenes Potenzial – durch radikale Schattenarbeit. München 2021.

2 Kommentare zu „Wie geht Frieden?

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