Am schönsten ist das Leben zu Fuß. Oder: Einfach mal in den Himmel gehen.

Mein Sohn Samuel hat am 30. Juli Geburtstag. Das ist nicht schlecht gewählt, denn für einen „Survivler“ wie ihn lässt sich da immer was für die bevorstehenden Sommer-Abenteuer draußen schenken. Dieses Mal haben alle zusammengelegt und er kann mit einem professionell leichten, kompakten und richtig wasserdichten Zelt* in neue Outdoor-Dimensionen vorstoßen.

Raus aus der Stadt

Das Zelt also in den Rucksack (des Vaters versteht sich), den auf die Schultern und los. Raus aus der Stadt. Zu Fuß. Nur zu Fuß kann man über die Steinerne Brück. Und nur zu Fuß lassen sich die quirlig-laute Stadt und der ebenso quirlig-laute Kopf langsam und nachhaltig ausschleichen.

Einfach gehen. Raus aus dem Kopf und rein in die Landschaft.

Rein in die Landschaft

Es ist Sommer. Also heute mal. Aber richtig. Die Sonne knallt. Ich bin froh, dass ich nach fast zwei Wochen Sommergrippe endlich wieder fit bin. Erst recht bin ich froh, dass Samuel so gerne draußen ist. Zwar Handy braucht und von der Sucht nicht weit ist, aber keine PlayStation und nicht mal einen Freizeitpark. Sondern den Wald und seine Geheimnisse. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang liebt. Biergarten auch, a bissl Fleisch, vor allem aber viel Ködel und Soße. Und: Einfach gehen und in die wundervolle Landschaft schauen.

Gehen ist Medizin

Gehen ist die einfachste und doch so wirkungsvolle Form der Entschleunigung. Mit jedem Schritt runterkommen. Und ankommen im wirklichen Leben. Auf dem Boden. Erdung, körperlich und in Gedanken.

Wir gehen einfach mal los. Haben einen groben Plan. Und nehmen ansonsten das Leben von vorn.

Unter Druck in den weiß-blauen Himmel

Auf diese Tagestour lässt sich anstoßen. Alkoholfrei natürlich.

Und das kommt es auch: Da ich mich verschätze und meine Zeitangaben sich als nicht stimmig erweisen, da der für heute angezielte Biergarten immer noch nicht kommt, die Sonne hier auf den Höhen unbarmherzig brennt und überhaupt –  gerät Samuel in Stress. Es dauert, bis ich ihn wieder einfange und er wieder in seine Mitte findet. Er ärgert sich schließlich noch ordentlich über sich selbst und dass noch mehr Zeit „verloren“ ging. Aber wir setzen unsere Mission fort und kommen schließlich doch dort an, wo wir hinwollten: Dem Biergarten, wie er im Buche steht. Mit allem, was es braucht: Biertische, Schatten, das Trinken zum selbst Holen und Braten mit viel Knödel und Soße (Samuel) bzw. Knochen mit viel Fleisch (der Vater; ausnahmsweise). Die Welt ist in Ordnung. Bayern unter blau-weißem Himmel.

Am breiten Rand des Waldes

Mit Schweinshaxn-Koma lässt sich schwer aufstehen vom Biertisch. Immerhin ist es noch sehr früh am Abend und der Körper hat Zeit für die Verarbeitung. Und nach ein paar Schritten fühlt sich das Gehen schon wieder ganz wunderbar an. Wir gehen einfach weiter. Richtung Felder und Wald. Bis wir irgendwann nicht mehr können und notübernachten dürfen. Am Waldrand. Wo sich keiner gestört fühlen sollte. Außer die Tiere dieses Waldes vielleicht. Doch wir werden alles tun, um uns korrekt zu verhalten. Wir finden einen wundervollen Platz. Noch richtig unter Bäumen. Und doch mit dem Blick nach draußen. Auf die Felder und über die Felder hinweg zurück bis in die Stadt, aus der wir heute aufgebrochen sind.

Echte Tuchfühlung

Wir richten also ein wenig den Untergrund und bauen das Zelt auf. Das Innenzelt. Probe liegen und feststellen: Wow, das ist ja wie Biwakieren mit Mückennetz. Im Liegen den Blick direkt in die Kronen der wie Engel um uns herumstehenden Buchen gerichtet und doch vor den piesackenden Plagegeistern sicher. Da es immer noch außerordentlich warm ist und uns diese totale Frischluftzufuhr samt fantastischem Blick in den Waldhimmel so taugt, verzichten wir einfach auf das Außenzelt. Auf wahrhaftiger Tuchfühlung mit dem Wald.

Der Verzicht auf das Außenzelt bietet Mückenschutz und 360 Grad Aussicht.

Der Mensch legt sich hin, der Wald wacht auf

Noch eine kleine Abendrunde im Wald und um das Feld und es ist finster. 21 Uhr. Warum nicht hinlegen und einfach schon mal langsam einschlafen? Samuel findet die Idee nicht super-attraktiv, aber der Papa ist eben platt und na ja: Es war ja auch für ihn eine ordentliche Tour. Dass freilich der Wald erwacht, während wir einschlafen wollen, war uns irgendwie schon klar. Doch was das an Geräuschen und Aktivität in einem Wald dann realiter bedeutet: Es sollte fast bis Mitternacht dauern, bis auch Samuel so etwas wie Schlaf findet. Auch mich selbst weckt irgendwann in der Nacht ein donnerndes Geräusch direkt an unserem Zelt vorbei. Ob Reh oder Wildschwein: Ich hatte schon gesehen, dass ziemlich nah am Zelt ein tierischer Trampelpfad vorbeiführt…

Die größte Liebe: den Zyklus des Lebens umarmen

Das Schöne ist: Im Zelt – zumal ohne lichtdämpfende Außenhülle – ist man mit Anbruch des Tages wach. Wir drehen im ersten Tageslicht eine Morgenrunde. Und entdecken die aufgehende Sonne.

Sechs Uhr früh. Wer draußen übernachtet, schwingt schnell ein in den Zyklus der Sonne, des Tages und des Lebens.

„Wie geil!“ kommt es uns zeitgleich über die Lippen. Den Zyklus des Tages und des Lebens so bewusst zu erfahren und mit ihm buchstäblich zu gehen, ist nicht nur heilsam sondern immer wieder geradezu spektakulär. Diesen Zyklus zu umarmen ist, wie Tina Turner in ihrem wundervollen Lied-Gebet sagt, die größte Liebe.

Embrace the cycle of life. That is the greatest love. (Tina Turner)

Das größte Glück: so ein Dorfladen

Nach dem Zeltabbau und dem Verwischen sämtlicher Spuren machen wir uns wieder auf. Gehen weiter. Die Richtung wieder grob. Wir haben im Internet was von einem Dorfladen gelesen. Das hat sich schön angehört. Im besten Fall hat der so etwas wie ein Café dabei und wir können für ein Frühstück draußen sitzen. Und tatsächlich: Der Dorfladen ist himmlisch schön. Hat ein Café und was wir bekommen ist himmlisch lecker: Cappuccino vom Siebträger, leckerer Kuchen. Das alles auf wunderschönem Geschirr. Das Herz hüpft!

Der PettenDorfLaden. So geht Dorfladen heute. Einfach wundervoll: die Gestaltung, das Sortiment, das Team.

Das größte Abenteuer: einfach in den Himmel gehen

Und apropos himmlisch: Später, als wir wieder unterwegs sind und auf eine Kuppe zugehen, meint Samuel:

Wenn ich nach vorne schaue, fühlt es sich an, als würden wir in den Himmel gehen. (Samuel)

So physisch er das gemeint hat, so wahr empfinde ich das im Allgemeinen: Am schönsten ist das Leben zu Fuß. Und wenn wir draußen sind und uns mit (auch: unserer) Natur verbinden, „fühlt es sich an, als würden wir in den Himmel gehen“. Das ist das größte Abenteuer. Und es ist nah: Nur einen Schritt entfernt.

So wunderschön kann eine Wiese aussehen. Wenn man sie lässt. Ein Feuerwerk an Farben und Formen, Blumen und Gräsern.

Fotos: Christian Heitzer

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* Das Zelt haben wir bei unserem Nachbarn und persönlichen Outdoor-Berater Harry im Trekkingladen in Regensburgs wunderbarer Bachgasse erstanden. Harry kennt einfach wirklich die Produkte, die er verkauft. Und er weiß (und verrät sie sogar manchmal!) die besten Plätze draußen in der Natur von Regensburg bis hinein in den Böhmerwald, hinauf nach Skandinavien und hinüber nach Kanada und Alaska.

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