Il Tesorino. Das Café am (St)Rande der Welt

Es fühlt sich an wie Heimkommen. Es ist erst das zweite Mal, dass Nicki und ich hier sind. Immer wenn mein Herz sich mit etwas oder jemandem verbindet, fühlt es sich an wie Heimkommen. Die Häufigkeit ist es nicht. Es ist die Tiefe der Verbundenheit. Il Tesorino heißt dieses Strandcafé am Tyrrhenischen Meer. Übersetzt heißt das „der kleine Schatz“, das „Schätzchen“, der „Liebling“.

Il Tesorino. Das Schätzchen am Tyrrhenischen Meer. Espresso trinken und auf das Meer schauen. Und eintauchen in die großen Fragen des Lebens. (Bild: Christian Heitzer)

Fahren um anzukommen

Wir haben nur wenige Tage. Wollen wir so weit fahren? Ja. Die lange Fahrt bietet viel Zeit zum Reden. Und in die wechselnden Landschaften zu schauen. Anzukommen. In Bella Italia. Und bei sich. Bei einander. Im Muße-Modus. Im Hier und Jetzt. Tatsächlich tut uns die lange Zeit, zu reden – nicht durchgehend, sondern immer wieder mit Pausen, mit Stille – gut. Wir brauchen keinen Radio. Nicht mal Musik. Auf 12h Fahrtzeit brauchen wir nichts davon.

Warum sind wir hier?

Wir kommen an. Werden hier von Herzen empfangen. Können in aller Ruhe einen Platz aussuchen. Am Campingplatz. In der ersten Reihe. Direkt am Meer. Wir parken unseren Bulli und schlendern direkt an den Strand. Ans Meer. Alle Sinne gehen in Verbindung mit diesem Ur-Element des Lebens. Die Augen sehen in die Weite, die Nase riecht das Salz. Das die Zunge bald schmeckt. Die Ohren hören das Rauschen der Brandung. Die Füße fühlen den Sand und bald das Wasser. Das Herz hüpft. Warum sind wir hier? Das Leben und die eigene Lebendigkeit spüren. Ganz direkt. Antworten auf Fragen im Inneren aufspüren. Und vor allem eines: Sein. Wenig tun. Die Welt und sich selbst sein lassen. Gut sein. Und „gut“ kommt – danke @RalphAmeis! – von Gott (gut – Gott, ähnlich: goodGod).

Wer sind wir? Woher kommen wir?

Am nächsten Tag gehen wir gleich in der Früh zum 1. Cappuccino ins Tesorino. Und bleiben bis zum Abend. Wir wechseln nur einmal den Tisch. Und einmal lädt uns das Meer ein. Einen ganzen Tag schauen wir aufs Meer. Trinken Kaffee. Schauen aufs Meer. Und trinken Kaffee. Eine Uhr haben wir nicht dabei. Die Sonne kommt von Osten (hinter uns) über den Süden (links von uns) in den Westen (vor uns). Wie jeden Tag. Die Sonne braucht keine Uhr. Kein Navi. Sie kennt ihren Weg. Wie die Erde, die sich dreht.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Einen Sonnenuntergang am Meer zu verfolgen, ist wie ein Involviert-Sein in die Schöpfung selbst. (Bild: Christian Heitzer)

Wer sind wir? Woher kommen wir? „Stille und Licht sind unsere wahren Eltern“, lesen wir beim wunderbaren Veit Lindau in seinem bemerkenswerten neuen Buch „Genesis“.

Genesis aus Sternenstaub

Was, wenn wir uns klar machen, dass wir 4,5 Milliarden alter Sternenstaub sind, lesen wir weiter: Wenn wir uns dieses kosmische Geheimnis bewusst machen? Wenn wir voll Ehrfurcht vor einem 200 Jahre alten Gemälde oder einem 1.000 Jahre alten Gebäude stehen können, können wir uns wenigstens mit derselben Würde auch selbst im Spiegel betrachten? An diesem Tag, vor dem alltäglichen und doch so geheimnisvollen Schauspiel des Meeres und der Sonne gelingt das. Die Welt ist ein Wunder. Wir Menschen sind Wunder. Jede*r von uns.

Schatzkammer am Strande der Welt

Diese kleine Schatzkammer, dieses Café am (St)Rande der Welt ist ein wundervoller Ort, des Wunders des Lebens gewahr zu werden. John Streleckys geistiges Café-Konstrukt aus seinen Büchern vom „Café am Rande der Welt“ offenbart sich uns immer wieder an konkreten Orten. Cafés sind uns die besten Inspirationsorte. Hier geschieht Schöpferisches (Genesis). Und hier leben wir auch immer wieder plötzlich oder „allmählich in Antworten auf unsere Fragen hinein“ (Rilke).

Wohin gehen wir?

Es ist immer wieder diese Antwort: Mutig sein. Mutig bleiben. Beherzt. Couragiert. Und das Tun immer noch mehr nach dem eigenen Sein ausrichten: Das tun, was und wer wir wirklich wirklich sind. Mit dem Herzen als Kompass gehen. Meisterschaft erlangen im Hören des Herzens. Herzwärts gehen. Und damit immer nach Hause. Wer herzwärts geht, geht im Kreis. Das ist nur scheinbar kein Weiterkommen. Wer herzwärts geht, zieht Kreise. Und geht damit in die Tiefe. Folgt dem Zyklus der Sonne, dem Kreis-Lauf des Lebens. Wir müssen nicht irgendwohin. Nicht linear von A nach B. Wir dürfen (endlich) ankommen. Da sein. Wer und wo wir sind. Das ist mehr als genug. Es ist: Alles.

Das Meer ist immer gleich. Das Meer ist immer anders. Das Meer ist das Meer. (Text und Bild: Christian Heitzer)

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