Das Ende der Welt in der Stadt. Oder: Einen Versuch ist es wert.

Ein Gastbeitrag von Andreas Sturm.

Sonntag morgen. Als erster wach – eigentlich zu früh und eigentlich bin ich noch müde. Der Kopf arbeitet aber schon. Und vielleicht ist es der richtige Moment für die erste kleine Jogging-Tour nach dem Umzug und nach vielen Wochen Pause? Warum nicht? Einen Versuch ist es wert.

An-Lauf nehmen

Wenn der Weg zum Pfad wird und der Pfad zum Trampelpfad…

Losjoggen, das erste Abbiegen um die Ecke, Donau, pralle Sonne brennt und blendet von vorne. Erste Anzeichen für einen Migräneanfall. Notstop. Durchatmen. Überlegen. Abbrechen, umkehren? Hundert Meter weiter beginnt eine Baumreihe mit einladend wirkendem Schatten. Langsam dorthin gehen und dann einen neuen An-Lauf probieren? Warum nicht? Einen Versuch ist es wert.

Der Schatten tut gut. Ich steigere langsam die Geschwindigkeit. Läuft. Puh. Juhu!

Es wird zunehmend menschenleer. Ein Campingbus steht am Rand. Der Mann vertritt sich gerade die Beine in der Morgensonne, während die Frau im Bus ihre Beine aus der Tür streckt.

Irgendwann ist nur noch Natur

Irgendwann ist da nur noch Natur. Grüne Bäume, Sträucher, Gräser, Kräuter und Blumen. Teilweise sehe ich die Donau noch, teilweise verliere ich sie vor lauter sattem Grün aus den Augen.

Der Weg wird zum Pfad. Und viel früher als ich gehofft hatte, biegt der Pfad wieder in die Rückrichtung ab. Vor mir verläuft nur noch ein schmaler Trampelpfad. Wo der wohl hinführt? Oder endet er einfach komplett im Dickicht? Einen Versuch ist es wert.

Nach einigen Metern und der ersten Kurve wird der Trampelpfad zunehmend zugewuchert. Und ich trage bei dem Wetter natürlich eine kurze Hose. Zeckengefahr, Stacheln, Brennnesseln. Ich freue mich, es wenigstens versucht zu haben, kehre um und nehme mir vor, an einem anderen Tag zurückzukommen – mit langer Hose.

Rolle rückwärts

… tut sich irgendwo ganz plötzlich eine Lichtung auf.

Nach einigen Metern Rückweg bleibe ich wieder stehen. Es reizt mich, das Ende des Pfades zu sehen. Was, wenn es gerade heute dort wunderschön ist und mir ein unvergesslicher Augenblick geschenkt wird?

Ich kehre wieder um, biege wieder um jene Kurve. Ok, das ist hier echt dicht zugewachsen. Aber dahinten sieht man den Pfad wieder mehr. Und danach, hinter der nächsten Biegung? Kann man nicht sehen. Soll ich mich durchschlagen, obwohl ich vielleicht schon kurz darauf wieder Halt machen muss und der Pfad vielleicht insgesamt unpassierbar wird oder gar nicht weiter geht? „Von Moment zu Moment“ schießt es da durch meinen Kopf. Wie es hinter der nächsten Biegung weitergeht werde ich sehen, wenn ich dort bin und kann dann auch wieder neu entscheiden, was ich mache. Also warum nicht? Einen Versuch ist es wert.

Das Ende dieser kleinen Welt

Der Pfad wird dichter, lichter, spaltet sich in zwei, verläuft mal höher, mal tiefer. Ich sehe stachelige Zweige wilder Himbeeren oder Brombeeren, blühende Gräser fast auf Augenhöhe und streife tatsächliche Brennnesseln (der Schmerz ist erträglich).

Nach einer Weile lichtet sich das Grün um mich und ich sehe das Ende des Pfades: Es ist das Ende der Welt. Also zumindest das Ende dieser kleinen Welt hier, dieser Insel in der Donau.

Das Inselende ist mit Steinen befestigt. Stufen liegen vor mir, die ins Wasser führen. Es ist wunderschön und es ist ein unvergesslicher Augenblick!

Auf-Atmen

Ich atme die nach dem Fluss und dem Grün hinter mir duftende Morgenluft ein und blicke mich um. Rechts am anderen Ufer liegt ein Hafen mit Containern. Ein Fischer packt gerade seine Sachen zusammen. Links unter mir sehe ich ein Holzscheit zwischen den Ufersteinen treiben, das offenbar von der Strömung angeschwemmt wurde.

Ich steige die Treppe bis zur letzten noch trockenen Stufe hinunter und lasse meine Hand ins Wasser gleiten. Es ist erstaunlich warm.

Fahrt aufnehmen

In dem Moment sehe ich das Holzscheit vor mir. Es muss sich aus den Steinen gelöst haben. Noch verweilt es allerdings ein wenig im strömungsarmen Bereich der zwei zusammenlaufenden Flussarme. Wie ich. Auch ich verweile noch ein wenig. Meditiere kurz. Spüre den kühlen Wind und die heiße Sonne auf der Haut. Denke an die Sorgen der zurückliegenden Woche. Und spüre unglaubliches Glück und Dankbarkeit für diesen Moment.

Das Holzscheit hat die Strömung erreicht und nimmt Fahrt auf. Ich zwinkere ihm noch einmal entgegen der Morgensonne zu und nehme ebenfalls wieder Fahrt auf. Zurück in die Welt, genauso strahlend wie die Sonne hinter mir. Den Versuch war es sowas von wert!

Ein Kommentar zu „Das Ende der Welt in der Stadt. Oder: Einen Versuch ist es wert.

  1. Lieber Andreas, ein wunderbarer Text und fantastische Fotos, v.a. das letzte von der Sonne! Von Herzen Danke dafür. Ein Text, den ich just gestern Morgen noch gelesen hatte, bevor ich mich selbst zu Fuß auf den Weg gemacht hatte – von Innsbruck-Igls gen Süden, Jakobsweg und Rom-Weg, Herzensweg Richtung Assisi. Nur für einen Tag. Aber „einen Versuch ist es wert“, sich einreihen in den Herzenweg der Pilger.
    Herzliche Grüße, Steve

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