Wo wir hingehören

Wieder sitze ich mit meinem Sohn am Abend an diesem unscheinbaren Weiher in der Umgebung. Außer uns kein Mensch weit und breit. Die Sonne geht unter in einem grandiosen Schauspiel. Dankbar staunend stehen wir da und schauen auf den Himmel, auf den See. Hören das Konzert der Frösche. Mit einem Schwanenpaar, das den ganzen Tag seine Runden drehte. Samuel sagt: „Des Leben is schee!“

Das Leben ist schön

Wie oft ereignet sich dieses Naturschauspiel an diesem Weiher. Ungesehen. Von keinem Menschen wahrgenommen. Die Sonne, den Himmel, den See kümmert das nicht. Sie verschwenden sich in ihrer Schönheit. Genügen sich selbst. Der Eintritt ist frei. Für alle Wesen ohne Ausnahme. Keine noch so kostspielige Lasershow könnte so perfekt inszenieren.

Alles was wir haben ist hier und jetzt. All we have is here and now

Unser ganzes Leben, da draußen zu finden. All our lives out there to find

Wir gehören nach draußen

Von Zeit zu Zeit die Flügel ausbreiten und sich wie ein Adler in die Lüfte erheben. Nach oben, wo die Luft klar ist. Foto: Samuel Heitzer

Was für ein Glück, denk ich mir, dass mein 12jähriger Sohn eine solche Freude hat mit solchem in der Natur sein – „surviveln“ wie das die YouTuber-Generation nennt. Welch ein Segen, dass er diese rudimentären Erlebnisse, Lagerfeuer, campieren etc. Play-Station & co vorzieht. Dass er sich begeistern kann und schwärmen von einem Sonnenuntergang wie diesem – und dem Sonnenaufgang am nächsten Morgen um kurz nach 5 Uhr in aller Herrgottsfrüh.

Samuel meint, ich soll die Arme ausbreiten; er würde mich so fotografieren wollen. Was ich dann fühle und auf dem dabei entstandenen Foto wieder spüre, ist die Botschaft jenes Liedes, das ich schon seit 35 Jahren liebe und das mich seit einem Jahr intensiv begleitet:

Up where we belong*, gesungen von Joe Cocker und Jennifer Warnes.

„Das Leben durchspüren“

Wer weiß, was der morgige Tag bringen wird. Who knows what tomorrow brings

In einer Welt, wo wenige Herzen überleben. In a world few hearts survive

Alles, was ich weiß, ist die Art, wie ich fühle. All I know is the way I feel

Wenn es wirklich ist, halte ich es lebendig.  When it’s real, I keep it alive

„Das Leben durchspüren“ hat das einmal eine Teilnehmerin unseres Achtsamkeitstrainings genannt. Eine Ukrainerin, die seit vielen Jahren in Tirol lebt. Das hat mir gefallen, dieses ungewohnte Verb: durchspüren. Erfunden von einer Ukrainerin.

Die Straße ist lang. Es gibt Berge auf unserem Weg. Aber wir klettern jeden Tag einen Schritt.

The road is long
There are mountains in our way
But we climb a step every day

Wir gehören nach oben

Das Leben durchspüren. Draußen. Am Lagerfeuer.

„Das Leben durchspüren“, dieser Ausdruck fiel im letzten Jahr, wo wir die Trainings schon auf online umgestellt hatten, da man nach Tirol nicht mehr reisen konnte. Wer hätte wirklich gedacht, dass die Straße so lang sein würde… Mir hat dieses Lächeln, diese unbeirrt hoffnungsvolle Lebenseinstellung gefallen: trotz Lockdown das Wesentliche nicht verlieren. Nämlich „das Leben durchzuspüren“.

Nein, wir sollten uns nicht nur auf dem Boden (der Tatsachen) aufhalten. Nicht nur wie die Hühner auf dem Boden picken. Wir dürfen uns zu unserer Größe aufrichten. Und gegebenfalls wie ein Adler die Arme ausbreiten.

Die Liebe hebt uns dorthinauf, wo wir hingehören. Love lifts us up where we belong

Wo die Adler schreien auf einen Berg hoch oben. Where the eagles cry on a mountain high

Weit von der Welt dort unten. Far from the world below

Oben wo die klaren Winde wehen. Up where the clear winds blow

Die Liebe hebt uns hinauf

Die größte Kraft im Universum ist die Liebe. Sie hebt uns (hin-)auf. Klarheit gewinnen, indem wir uns aufrichten. Und die Vogelperspektive einnehmen. Oben uns vom Wind durchpusten lassen, um unten das Leben wieder (durch-) zu spüren.

Einige hängen an dem, was sie gewohnt sind.  Some hang on to used to be
Leben ihre Leben indem sie zurückschauen.  Live their lives looking behind

Ich möchte hier und jetzt das Leben durchspüren. Und immer wieder von oben draufschauen. Vielleicht auch vorausschauen. Auf eine neue Erde, die gerade in den Wehen liegt.

Die Zeit vergeht. Time goes by
Es ist nicht die Zeit zum Weinen. No time to cry

Leben ist du und ich. Life’s you and I
Am Leben. Heute.  Alive today

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*Songwriter: Jack Nitzsche / Buffy Saint-Marie / Will Jennings. Songtext von Up Where We Belong © Sony/ATV Music Publishing LLC

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