Muße. Eine Sehnsucht

Muße ist, wie ich feststelle, ein ganzes Universum. Ich starte deshalb mit diesem Beitrag eine ganze Reihe. Es werden also in nächster Zeit noch einige weitere Perspektiven, Einsichten, Erkenntnisse und Erfahrungen um das Phänomen Muße dazukommen.

Das Wort hat etwas. Es ist irgendwie aus der Zeit gefallen. Oder in sie hinein. Ins Hier und Jetzt. Man ahnt, dass es aus einer alten Zeit kommt. Man weiß nicht so recht, was es eigentlich bedeutet. Und mag es nicht mehr loslassen. Muße. Allein das Hören, Lesen, Schreiben des Wortes löst etwas aus. Ein – unbestimmtes und kaum bestimmbares – Gefühl. Vielleicht mehrere, unterschiedliche, sogar gegensätzliche Gefühle. Bilder tauchen auf. Und es lohnt sich, den Gefühlen, den Bildern nachzugehen: Wie würde ich sie beschreiben? Wie genau sehen meine Bilder aus?

Muße ist, sich einfach mal auf eine Bank in die Sonne setzen.

Von Leichtigkeit bis Einsamkeit

Vor ein paar Tagen haben wir einen Kurs mit vier Abenden und einem Halbtages-Retreat zur Muße gestartet. In der einführenden Meditation und Reflexion haben unsere Teilnehmer*innen die Gefühle und Bilder aufsteigen lassen und sie für sich beschrieben. Bei einem kurzen Teilen im Anschluss waren ungemein berührende und faszinierende Einsichten und Erkenntnisse da. Neben der Leichtigkeit, der Entspannung, der Zeitlosigkeit, die sich aufgetan haben, war da etwa auch – ganz plötzlich, überraschend und für eine Kursteilnehmerin selbst irritierend: „Einsamkeit. Eine Leere, die ausgefüllt werden will“, so hat sie es formuliert.

Raum, in dem Ideen entstehen

Johannes* spricht von einer regelrechten „Sogwirkung“, die das Wort bei ihm entfaltet. Es sei „nah an der Fülle“. Es habe auch viel mit „Erlaubnis“ zu tun. Sich erlauben, einmal nichts zu tun. Das sei Muße. Muße habe etwas mit Genuss zu tun, mit Schönheit, mit Leichtigkeit. Ein Geschenk des Lebens. Und: Muße sei auch ein Raum, in dem Ideen entstehen.

Wenn ich einfach mal sein darf, wer ich bin

„Muße ist, wenn einmal keiner etwas von mir will. Und wenn ich einfach sein darf, wer und wie ich bin.“ So formuliert es Marianne. Manuela assoziiert mit dem Begriff „Tanz, Musik, schöne Kleidung, etwas, was es nicht alle Tage gibt – etwas Besonderes.“ Bei Clara macht sich schlichtweg ein „warmes Gefühl“ breit. Und ihr Muße-Bild ist der Tisch, an dem viele Bücher ausgebreitet sind, in denen sie einfach „wild lesen“ will.

Einfach mal wild in Büchern lesen.

Überraschendes Gedenken

Und dann ist da noch Hannelore, bei der überraschend eine Gedenkstunde anlässlich des Todestages ihres Vaters auftaucht, zu der sie zuletzt ihre Geschwister eingeladen hatte. Und sie ist selbst überrascht, dass genau dieser Moment aus der Erinnerung auftaucht beim Begriff „Muße“. Auch das kann also Muße sein. Zeit zu gedenken, für Erinnerung an einen geliebten Menschen.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist musse-lettering_klein.jpg.
Schreiben, malen, zeichnen. Einfach so. Ohne Zweck.

Nah am puren Sein

Der Begriff allein erzeugt eine Sehnsucht. Oder er-inner-t eine Sehnsucht. Vielleicht ist es vor allem die Sehnsucht, einmal aus dem Tun herauszutreten und in das Sein einzutauchen. Der Leistungsfalle und der Verzweckung von Tun und Zeit zu entkommen. Einmal völlig losgelöst von Zeit und Zweck, einmal einfach nur zu sein. Das kann dann sogar wieder ein Tun sein. Aber eben ein zweckfreies tun. Lesen, malen, Musik machen – ohne etwas damit „machen“ zu müssen oder anzuzielen. Einfach mal so.

Manchen Begriffen wohnt eine Magie inne. Manche kann man schier riechen oder schmecken. Muße schmeckt bisweilen nach Apfelmaultauschen.

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*alle Namen sind verändert

2 Kommentare zu „Muße. Eine Sehnsucht

  1. Wieder so ein kraftvoller Text! Danke für Eure Arbeit – sie ist so wertvoll in einer Zeit, wo es notwendig ist, die Angst zu beruhigen, den Mut zu stärken und die Glut des Lebens neu zu entfachen. You did it!

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