Im Bauch. Die Samen einer neuen Zeit

An vielen wird der 2. Februar vorbeigegangen sein wie jeder andere Tag auch. Wer im christlichen Jahreskreis verortet ist, weiß vielleicht vom Fest „Mariä Lichtmess“ oder auch „Darstellung des Herrn“. Ein Blick in die Geschichte noch vor der Christianisierung Nordeuropas findet das in keltischer Kultur gefeierte Fest „Imbolc“, das übersetzt so viel heißt wie „im Bauch“. Es gäbe viel zu erkunden im Zusammenhang mit diesem Fest „Imbolc“. Viele Rituale, die ursprünglich der keltischen Kultur entstammten, wurden christlich um- oder  neu gedeutet. Ich will mich in diesem Blog-Artikel auf vier Symbole bzw. Rituale konzentrieren: Den Wind, das Licht, den Bauch und den Adler.

Der Wind

Frische Luft. In unserer Kultur halten wir uns viel –  in Zeiten von Home-Office nicht selten 24h – in Gebäuden aus Ziegel, Stein oder Beton auf. Und wer in der Stadt wohnt, muss in diesen Tagen vielleicht ab dem ersten Schritt, den er vor die Tür tut, auch noch eine Maske aufsetzen, die Mund und Nase bedeckt. Frische Luft? Manche lechzen danach wie nach einem Lebens-Elexier. Und fürwahr das ist es. Die Februar-Tage eignen sich wunderbar für ein Ritual, auf das mich ein Freund aufmerksam gemacht hat und sich bei der „Urkraftweberin“ Evi Schwarz (urkraftweberin.com) findet:

Wir können einmal alle Türen und Fenster weit aufmachen und uns dann an ein weit geöffnetes Fenster stellen. Zunächst den Rücken nach draußen gewandt. Und hier innehalten und den Wind spüren. Dann sich langsam um 180 Grad zum Fenster hindrehen:

Sich vom Alten zum Neuen wenden / Die Fenster und Türen im Inneren aufmachen

sein gesamtes Sein öffnen / sich in die kosmische Fließkraft wenden.

In den Sonnenaufgang hineinatmen / sich auf die Urschwingung einlassen / bereit für Überraschungen.

„Dankbar übergebe ich den reinigenden Winden alles, was mich in den letzten Monaten belastet und unterrichtet hat. Nichts kann mich mehr aufhalten. Ich wende mich in meinen Sonnenaufgang.“

Worte wie ein Gebet. Was für ein schönes und kraftvolles Gebet!

Das Licht

Für meine Partnerin ist „Lichtmess“ das schönste Fest des Jahres. Schon seit Kindheitstagen. Warum gerade „Lichtmess“? An Lichtmess, sagt sie, wird offenkundig, dass die Tage wieder länger werden, die Sonne stärker geworden ist und es spürbar heller wird. Die dunkle Jahreszeit ist vorbei. Das sei für sie jedes Jahr eine große Freude. Die Tage um den 2. Februar eignen sich auch für ein Licht-Ritual: Man kann einmal durch sein Zimmer, durch seine Wohnung oder sein Haus gehen und alle Kerzen aufspüren und entzünden, die darin aufgestellt sind. Man kann auch alle Kerzen an einen Platz zusammenholen und dort nacheinander entzünden. Man kann sich so selbst im Haus quasi an ein Feuer setzen. Natürlich kann man auch tatsächlich raus in den Garten gehen und ein Lagerfeuer entzünden. Sich dem Licht zuwenden, dem Feuer. Die Dunkelheit, das Dunkle dieser Tage vertreiben. Auch die Verwendung von Rauch und Räucherwerk haben hier eine große Tradition – ein „spiritueller Frühjahrsputz“. Aufbruch in den eigenen Sonnenaufgang. In das Neue. Auch hier wieder.

Dazu passt, was mir eine Kollegin kürzlich erzählte. Ihre Großmutter habe immer gesagt: „Leimessn. Do bleim oder geh meissn.“ Auf den Bauerndörfern war es bis in die 1950er Jahre hinein üblich, dass sich an Lichtmess die Bauern im Dorfwirtshaus oder auf dem eigenen Hof versammelten und darüber berieten, welche Knechte gehen durften (sollten) und welche bleiben durften. Auch für die Knechte selbst war Lichtmess der Stichtag, den „Vertrag“ zu verlängern oder zu „kündigen“. So etwas wie ein Transfer-Stichtag, wie er heute noch oder wieder im Profi-Fußball üblich ist. Anfang Febraur kann so  auch für jede*n von uns ein Zeitpunkt sein, sich neu auszurichten: Die aktuellen Verbindungen (privat, beruflich etc.) zu bestätigen oder sich neu auszurichten.

Im Bauch

„Im Februar beginnt die gesamte Naru ungewöhnliche und kraftvolle Impulse auszusenden, welche die Wende in das Neue, in ihren Wurzeln ermöglicht“, so noch einmal die Urkraftweberin Evi Schwarz: „Kosmische und Erdkräfte versorgen uns mit allem, was wir brauchen, um uns vom Rückzug in das Werden zu wenden.“ Mit dem aufsteigenden Licht, mit der zunehmenden Kraft der Sonne erwacht langsam die Natur und wir bereiten uns für den kommenden Frühling.

Wir können uns für einen Moment auch unserem „Bauch“ zuwenden. Vielleicht die Hände auf den Bauch legen. Was haben wir „verdaut“ in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten? Was ist gewichen, gegangen, haben wir losgelassen? Oder auch: Wovon zehren wir? Welche Samen liegen in unserer Erde? Was bereitet sich gerade Neues? Was möchte Wurzeln treiben und schlagen? Was möchte werden? Welcher Baum, mit welchen Blüten, welche Früchte dürfen sich am Ende zeigen?

Der Adler

Der Adler ist ein Krafttier. Im Schamanischen steht er für den übergeordneten Blick. Aus der Enge dieser Zeit heraustreten, den Ängsten, dem Ärger, der Entrüstung, der Wut, der Verzweiflung. Sich aufschwingen und das große Ganze in den Blick nehmen. Wie möchte ich sein? Wo möchte ich sein? Mit wem? Und wie möchte ich, dass diese Welt ist – im Blick über diese Enge hinweg?

Who knows what tomorrow brings / In a world few hearts survive /

All I know is the way I feel / When it’s real, I keep it alive

The road is long / There are mountains in our way / But we climb a step every day

Love lifts us up where we belong / Where the eagles cry, on a mountain high

Love lifts us up where we belong / Far from the world below, up where the clear winds blow

Some hang on to „used to be“ / Live their lives looking behind

All we have is here and now / All our life, out there to find

The road is long / There are mountains in our way / But we climb them a step every day

Time goes by / No time to cry / Life’s you and I / Alive today

Love lifts us up where we belong / Where the eagles cry, on a mountain high

Love lifts us up where we belong / Far from the world we know, up where the clear winds blow

Writer(s): Will Jennings, Buffy Sainte-marie, Jack Nitzsche Lyrics

Die Liebe hebt uns hinauf, wo wir hingehören. Wo die Adler sind. Und der Blick weit wird. Dieses von Joe Cocker und Jennifer Warnes gesungene Lied berührt mich seit bald 40 Jahren. Eine Freundin hat es mir kürzlich wiedergeschenkt. Wenn wir mitten in etwas feststecken (ob gesellschaftlich im Außen oder innen in uns drin), ist jetzt eine gute Zeit, einen Hügel oder Berg hinaufzusteigen und den Blick in die Weite zu richten.

Im Bauch der Erde und in unseren Herzen ruhen die Samen einer neuen Zeit. Darauf dürfen wir uns ausrichten. Jetzt.

Ein Kommentar zu „Im Bauch. Die Samen einer neuen Zeit

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