Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit! Von der Kunst, Leichtigkeit und Schwere zugleich zuzulassen

Auf Lesbos? Ja, dieses Yoga-Retreat findet auf Lesbos statt. Moria? Ja, das Flüchtlingslager ist bzw. war hier auf dieser Insel. Die türkische Küste ist hier klar zu sehen. 12km sind es. Unsere Yoga-Lehrerin kommt schon seit 15 Jahre regelmäßig hierher. Auch 2015 war sie hier.

Lesbos ist keine Touristen-Insel. Hier reiht sich nicht Hotel an Hotel. Inmitten der herausfordernden Gemengelage der Zeit findet man überall wundervolle Orte, Cafés, Plätze, Menschen. Das ganze Leben eben.

Der Schmerz der Insel

Abends ist sie zum Essen am Hafen gesessen, als eines der vielen Flüchtlingsboote hier gelandet ist. Unser Taxifahrer, ein in Australien aufgewachsener Grieche, meint: „Erst die Finanzkrise, dann die Flüchtlingskrise und jetzt Corona. Wann ist mal genug?“ Ein Blick in die Geschichte dieser Insel offenbart eine noch weitaus längere Geschichte immer wieder schmerzvoller Übergänge: mal waren es venezianische, lange osmanischen Herrscher und auch eine 20monatige deutsche Besatzung gab es im Zweiten Weltkrieg.

Das Schwere im Leichten und das Leichte im Schweren

Wer hierher kommt, spürt diesen Schmerz. Schaut vielleicht den eigenen Schmerz im Spiegel. Dieser Schmerz hat eine Wahrheit. Darf man sagen: eine Schönheit? Eine Teilnehmerin hier sagt: „Ein Thema meines Lebens ist schon so lange Schwere und Leichtigkeit. Ich spüre hier, dass es für mich gilt, das Schwere ins Leichte hinein zu wickeln – und das Leichte ins Schwere.“ Ja, das Leben schwer und leicht zugleich.

Sanfte Stille

Die Menschen, denen wir hier begegnen, verkörpern diese Haltung. Sie sind sehr freundlich. Und in Gesprächen ergibt sich sehr schnell eine Tiefe. Bedeutsamkeit. Small talk braucht es hier nicht. Gespräche gehen in eine Tiefe. Oder man redet gar nicht. Schaut sich an. Die Augen treffen sich. Ein Lächeln. Das genügt. Eine sanfte Stille. Leere (aus-) halten.

Zauberhaft schön

Die Cafés und Restaurants hängen wie Schwalbennester am Burgberg und bieten spektakulären Ausblicke.

Der „Milelia-Inselgarten“* hier ist ist zauberhaft schön. Wundervolle Räume, wundervolles Essen, wundervolle Menschen. Dreieinhalb Stunden Yoga täglich. Der Seminarraum ist ein Oktagon. Mit einer schönen Energie. Die vielen Klangschalen darin, der Ausblick auf die mächtige Burganlage gegenüber, das nahe Meer. Neben dem Yoga ist hier viel Zeit und Raum für Ausflüge: zum Meer hinunter zum Baden oder den Sonnenuntergang zu bestaunen, zum Wandern, zur imposanten Burg hinauf, in das kleine Städchen hinein, auf spektakulären Balkonen und Terrassen einen Kaffee trinken oder wunderbar Essen gehen.

Der Segen des Inselgartens

Nicht alle sind zurechtgekommen mit dem Anlanden der Flüchtlinge. Doch da sind auch die, die ihnen zu essen gegeben haben und Kleidung. Initiativen, Kooperativen, die es bis heute gibt. Und die heute noch helfen. Und jede*r Yogi, jede*r Urlauber*in, der oder die hierher kommt – trotz des Moria-Themas – unterstützen diejenigen, die die hier eine Last getragen haben (und noch tragen). Es gab Besucher/Urlauber, die sich noch einmal extra Urlaub genommen haben 2015, um selbst die Geflüchteten zu unterstützen.

Yoga ist Wieder-Verbindung

„Yoga“ ist das „Joch“. Ein und dasselbe indoeuropäische Wort. Yoga/Joch ist die Verbindung vom Ochsen zum Pflug. „Der Ochse steht für den Geist bzw. Geist/Seele. Der Pflug für den Körper“, so Eva unsere Yogalehrerin und Retreat-Leiterin Eva Bomhard weiter. Diese Woche hier schafft wirklich Wieder-Verbindung von Körper und Geist-Seele. Und wie die Asanas (Übungen) mir im Körper neue Räume öffnen, so öffnen sich neue Räume auch im Geist. Eva – sie hat ihr Studio „YAMA“ in Bruckmühl bei Rosenheim – ist eine Meisterin im Erkennen, welche Bewegungen jede*r Teilnehmer*in wirklich braucht.

Es muss nicht perfekt sein. So wie meine Asana ganz rechts im Bild (-;

Die Essenz der Klopapierrolle

Die abgerollte Klopapierrolle als Bild für das Wesentliche.

Alles, was sich über diese Verbindung legt im Alltag, Schicht um Schicht wird abgestreift, abgerollt. Am letzten Tag sagt Eva: Jetzt ist das Klopapier abgerollt. Übrig bleibt die Rolle aus Pappe. Und ich denk mir noch: Wie bzw. wohin kriegt sie jetzt die Kurve? Diese Rolle hält das Wesentliche: die Essenz. Den wesentlichen Raum: das Nichts. Aus dem ganz Neues entstehen kann. Unser Staunen geht einher mit herzhaftem Lachen. Und das bekommt noch den Turbo, als eine Teilnehmerin in knappen Worten erläutert, was jede*r von uns mit dem Klopapier abgestreift hat…

Tieftiefes Leben und die Seele weit

Tags zuvor war ich den wundervollen Zeilen von Rilkes Gedicht wiederbegegnet. Einem Gedicht, das im Advent 2019 erstmals zu mir gekommen ist. Eva hatte es beim Yoga in einer Vertonung erklingen lassen:

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still, du mein tieftiefes Leben. … Und dann meine Seele sei weit, sei weit, dass dir das Leben gelinge.

Rainer Maria Rilke
Atemberaubend schön: das Meer, die Küste, die Berge

Lauschen, stille sein und die Seele weit sein lassen. Das ist hier geschehen. Und ich bin erfüllt von großer großer Dankbarkeit: Eva gegenüber, den anderen Teilnehmer*innen gegenüber, dem Inhaber des „Inselgartens“, diesem Ort, den Menschen und dieser Insel. Für die Wieder-Verbindung und neuentdeckte Räume in meinem Körper und im Geist. Für das Lachen, für die Entfaltung der Schwere im Leichten und des Leichten in der Schwere. Für mein tieftiefes Leben. Und für die Weite: meiner Seele. Und des Lebens. In den großen Raum des Universums hinein – und vielleicht selbst darüber noch hinaus.

Wir werden wieder hierherkommen. Zum Yoga und zum Urlaub. Und nächstes Jahr hier selbst ein Retreat-Angebot machen. Auch wir wollen Menschen diesen Ort hier öffnen. Raum geben, die Seele weit werden zu lassen. Bei unserem Sommer-Retreat „Mit wachem Herzen leben.“ von 10. bis 17. September 2022 dürfen sich unsere Teilnehmer*innen auf wunder-volle Tage an einem wunder-vollen Ort freuen!

Fotos: Christian Heitzer und Nicole Balej

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* Dem Milelia-Inselgarten werde ich demnächst noch einen eigenen Blogbeitrag widmen.

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