Wie geht „mit dem Herzen sehen“?

Der wohl meist zitierte Satz aus Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ ist:

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

Wir haben in diesem Blog schon über die Kompetenzen des Herzens geschrieben, über das Herz als Instanz von Intelligenz, also als Quelle der Einsicht, des Lernens, der Bildung (Herzensbildung!). Wenn wir diese Spur ernst nehmen wollen, stellt sich uns natürlich die Frage: Wie aber geht das, „mit dem Herzen sehen“?

Kinder als Lehrmeister*innen

Kinder sind unvoreingenommen und folgen auf natürliche Weise ihrer inneren Bewegung. (Photo by Helena Lopes on Pexels.com)

Die Geschichte vom kleinen Prinzen offenbart uns eine mögliche Fährte. Nicht die „Großen“, die „Erwachsenen“ sondern der „kleine“ Prinz, nicht die Intellektuellen, nicht die Wissenschaft sondern der sprechende Fuchs und die sprechende Rose zeigen uns, wie es geht: Es sind die Kinder, die mit dem Herzen hinschauen auf die Dinge. Die staunend nicht nur schauen sondern auch hören, riechen, schmecken, fühlen. Kleine Kinder folgen auch im Tun ihrer Intuition, folgen ihrem Herzen. Sie tun und kommunizieren, was in ihrem Herzen ist. Sie verstellen sich nicht. Sie reflektieren nicht. Sie handeln aus dem Bauch heraus. Sie folgen einer anderen Intelligenz als der des Verstandes, der Ratio.

Der Erwachsene als der aus der Wegweisung des Herzens Herausgewachsene

Erwachsene sind aus dieser intuitiven „Sicht“ der Dinge, der spontanen Be-Rührung und Bewegung buchstäblich herausgewachsen. Spätestens die Schule und der so genannte „Ernst des Lebens“ rückt die Macht der Ratio, des Verstandes, das kognitive Herangehen an die Dinge und die Fragen des Lebens in den Vordergrund. Wenn wir die Stimme des Herzens in uns (wieder) aufspüren wollen, gilt es, an die Haltung eines Kindes (wieder) heranzukommen. Wie aber könnte das gehen?

Nimmst du die Stimme deines Herzens wahr – und wenn ja, wie viele?

„Die“ Stimme des Herzens wahrnehmen und ihr folgen, das ist leicht gesagt und leicht geschrieben. Wenn ich versuche, zu meinem Herzen hinzuspüren, kann es geschehen, dass sich da nicht nur eine Stimme meldet. Welche der Stimmen, die ich in mir höre, ist denn überhaupt „die“ Stimme des Herzens? Klar ist, dass aus unserer Kindheit und Sozialisation heraus viele Stimmen auf uns einwirken. Dass wir Stimmen in uns integriert haben, ver-inner-licht. Die Stimme der Mutter, die Stimme des Vaters. Die Stimmen von Lehrer*innen. Im Lauf des Lebens kommen da tatsächlich viele Stimmen zusammen. So kann ein regelrechtes Stimmengewirr entstehen. Und es fällt schwer, die Stimmen voneinander zu unterscheiden. Wie können wir hier zuletzt auch noch die tiefste, die älteste, die ganz eigene innere Stimme identifizieren? Die gute Nachricht ist: Mit einer wachen Bewusstheit und mit ein wenig Übung können wir oft bald erkennen, wer da genau in uns spricht. Von wem wir diese und jene Sicht der Dinge immer und immer wieder gehört haben. So oft, dass sie uns quasi „in Fleisch und Blut“ übergegangen ist. Unsere ureigenste Stimme, die Stimme unseres Herzens hat dankenswerter Weise besondere Merkmale:

Die Stimme des Herzens ist schnell, leise und flüchtig

Die Stimme des Herzens schenkt uns Klarheit hinsichtlich der Frage, was wir wirklich wirklich wollen. (Photo by Chris Czermak on Pexels.com)

Die Stimme des Herzens ist spontan. Vielleicht leise, aber schnell. Und sie ist im Alltag flüchtig. Wenn wir wieder lernen wollen, mit dem Herzen zu sehen oder zu horchen, gilt es, an diese ersten, spontanen, ganz intuitiven Regungen heranzukommen. Noch vor allem Überlegen. Das kann man üben. Am besten bei den kleinen Dingen anfangen. Wenn wir etwas gefragt werden, eine Entscheidung treffen sollen: Magst du rausgehen oder noch etwas lesen? Magst du Bratkartoffeln oder eine Suppe essen? Welche Farbe soll dein Spielstein haben? Fast immer gibt es ein Bild, ein Wort, eine allererste Regung. Oft nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Diese allererste Regung wird sehr schnell zugeschüttet: durch Gedanken und von den vielen vielen Stimmen in uns. Bis wir es uns bewusst sind, bis wir hellwach in diesem Moment sind, kann das Bild schon von drei Gedanken und vier Stimmen überholt bzw. abgelöst worden sein: „Ich würde ja gerne rausgehen, aber draußen ist es kalt“, „eigentlich hätte ich gern ein Curry, aber Suppe geht schneller“, „am liebsten wäre mir der rote Spielstein, aber ich weiß, dass das die Lieblingsfarbe meines Kindes ist“ usw.

Klarheit des Herzens

Wenn wir genau hinschauen, bekommen wir manchmal das allererste Bild, die allererste Regung noch zu fassen. Natürlich müssen wir uns nicht in jedem Fall dann auch für diese allererste Regung entscheiden. Doch sich darin zu üben, sie hellwach wahrzunehmen, ist eine höchst interessante, spannende Angelegenheit und wahrhaftig lohnenswert: Wir können mit nichts weniger in Kontakt kommen als mit unserem tiefsten Inneren. In Kontakt mit unserer Essenz. Mit unserem Sein (lat. esse). Wenn wir mit den kleinen Dingen anfangen, unsere innerste Stimme aufzuspüren, finden wir in den großen Fragen des Lebens, den wahrhaft weg-weisenden Entscheidungen ein kaum hoch genug einzuschätzendes Instrument vor, einen hilfreichen Kompass, diese heilsame, Glück und Freiheit fördernde Klarheit des Herzens.

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