Es ist Samstagvormittag Ende August. Mein 17jähriger Sohn steigt in den Zug ein. Wie so oft entsteht in den letzten Minuten noch ein intensives Gespräch. Mehrfach drückt er auf den Knopf, um die Tür wieder zu öffnen. Ein letztes Mal und der Zug fährt ab. Wir schauen uns nochmal in die Augen. Und dann kommen die Tränen. Ich sehe es in seinem Gesicht und erlebe es selbst. Uns überwältigt jetzt doch, dass wir uns nicht mehr sehen werden, bevor mein Sohn nächste Woche – auf den Tag genau 40 Jahre nach seinem Vater – eine kaufmännische Ausbildung beginnen wird. Der Schritt aus der Schule heraus und jetzt nach den letzten und verkürzten Sommerferien in diesen neuen Lebensabschnitt hinein ist gewaltig. Das weiß ich noch aus eigener Erfahrung.

Wahrnehmen und sich erlauben: Gedanken, Körperempfindungen und Gefühle
Mein Sohn schämt sich seiner Tränen nicht. Auch nicht sein Vater. Wir wissen, dass es uns hilft, weil es Gefühlen einen Kanal gibt. Wir dürfen uns gestatten, zu weinen. Auch wir Männer. Überhaupt dürfen wir Männer (und selbstverständlich alle Menschen) uns erlauben, Emotionen zu zeigen. Das klingt selbstverständlicher, als es im realen Leben auch heute noch ist. Viele Menschen, insbesondere Männer, haben gelernt, ihre Gedanken 1. mitzukriegen und 2. zu äußern. Frage ich sie nach einer Übung aus dem Yoga oder während eines Bodyscans danach, was sie in ihrem Körper so spüren – wo sie ihn überhaupt spüren und sogar noch: wie sie spüren, dass sie etwas spüren – wird es schon deutlich schwieriger. Sportler sind darin trainierter, sie spüren immerhin (Ver-) Spannungen und Schmerzen deutlicher als Männer, die keinerlei regelmäßige körperliche Übungspraxis kennen. Und Gefühle?
Was fühle ich überhaupt?
„Gefühle sind wie ein Suppe“, hat es ein Teilnehmer meines jüngsten Meditationskurses für Männer kürzlich formuliert. Und er meinte mit Suppe natürlich keine klare Suppe. Man(n) rührt herum und weiß nicht so recht, was drin ist (im Herzen). Es ist ohnehin etwas konstruiert, Gedanken, Gefühle und körperliche Empfindungen messerscharf zu trennen; in unserem menschlichen System greift alles vielmehr ineinander. Klar ist: Kein Gedanke ohne Gefühl und kein Gefühl ohne gleichzeitige Reaktionen im Körper, die wir in der Regel (körperliche) Empfindungen nennen. Klar ist damit auch: Wir haben ständig Gefühle, ebenso wie wir ständig Gedanken haben und unablässig auch unser Körper Signale aussendet. Was ihre Gefühle angeht, stochern viele Männer im Nebel beziehungsweise rühren in einer Suppe. Sie wissen nicht so recht, was sie fühlen. Weder wenn es um so genannte negative (oder gar: „schlechte“) Gefühle geht, worunter wir gemeinhin etwa Ärger, Wut oder Angst rechnen, noch wenn es um so genannte positive Gefühle wie Freude, Dankbarkeit oder gar Liebe geht.

Wo lernen wir Gefühle?
Und beim „Wissen“ geht es schon los: Sie sagen, sie wissen nicht so recht, was sie fühlen. Man könnte sagen: Die Gefühle kommen im Kopf, im „Wissen“, im Bewusstsein nicht an. Warum, ist in der Regel schnell erklärt: Sie haben keine Erfahrung mit (der Kommunikation von) Gefühlen. Häufig deshalb, weil sie es nicht gelernt haben – anders als Gedanken mitzuteilen, das kennen wir schon von der Schule her, wo es eine ständige Übung im Unterricht war.
Sich Gefühle erlauben
Manchmal liegen allerdings die Gründe noch tiefer, im Unterbewussten: Weil sie sich Gefühle nicht erlauben; weil Gefühle ihnen (gerade als Männer) nicht erlaubt wurden, sei es vom eigenen Vater, von der Peer-Group oder von der Gesellschaft: „Hab dich nicht so!“ oder „Heul doch!“ oder „Reiß dich zusammen!“ Gerade Wut und erst recht Aggressivität sind quasi Tabus, No-gos, obwohl diese Gefühle allgegenwärtig sind. Nicht die Gefühle bzw. Emotionen sind falsch. Wir dürfen lernen, sie uns zu erlauben – und natürlich dann auch angemessen damit umzugehen. Zuvor aber lohnt es sich, die Energie der unterschiedlichen Gefühle zu erkennen und auch zu nutzen. Wir gehen am (gesunden und sogar am glücklichen) Leben vorbei, wenn wir versuchen, oberflächlich so emotionslos wie möglich unterwegs zu sein.

Sich den Gefühlen wirklich stellen
Und wenn dann doch Gefühle an die Oberfläche treten, das Licht des Bewusstseins erklimmen, gehen viele Männer gerne schnell in den Kopf und tun, was sie gelernt haben: Sie erklären ihre Gefühle. Sie halten sich also nicht lange damit auf, ihre Gefühle wirklich zu fühlen, oder gar den Weg, den sie vielleicht im Körper nehmen, zu verfolgen. Sie stellen sich ihren Gefühlen nicht: sie sind nicht interessiert, neugierig und oder gar (vor-) urteilsfrei. Man(n) wechselt schnell auf das gewohnte, sichere Terrain und behandelt Gefühle wie Gedanken.
Emotionale Kompetenz
Wenn wir Männer etwas lernen können, und zwar für uns selbst, vielleicht auch für unser eigenes Vatersein, und auch im Beruf, mit Kolleg*innen, Vorgesetzten und insbesondere als Führungskraft mit Mitarbeiter*innen, dann ist es diese emotionale Kompetenz. Dieses Spüren, Mitkriegen, dieses Wahrnehmen und Zulassen (!) von Emotionen und natürlich ein stimmiges Handling ihrer. Wer gut mit den eigenen Gefühlen, mit den Gefühlen seiner Partnerin oder seines Partners, den Gefühlen von Kindern und auch von Mitarbeiter*innen umgehen kann, braucht sich um seine Autorität keine Gedanken zu machen. Das Verkörpern und Ausstrahlen emotionaler Kompetenz wirkt.

Noch einmal zurück zu der Geschichte mit meinem Sohn. Es war eigentlich nicht nötig, dass er schon fährt. Er hätte auch noch eine Nacht bleiben können. Als uns beiden im Hinausfahren des Zuges die Tränen in die Augen schießen, schreibe ich ihm, ob er nicht an der nächsten Station aussteigen und wieder zurückfahren möchte. Er liest die Nachricht gerade noch rechtzeitig und tut es. Eine halbe Stunde später fallen wir uns in die Arme. Ein wenig schüchtern und nicht ganz sicher, ob wir das gerade wirklich erleben. Nicht dass wir das nicht kennen würden; wir haben das viele Jahre erlebt, Weinen zum Abschied. Aber jetzt ist es doch schon eine Weile her, dass wir zusammen geweint haben, Vater und Sohn. Und wir genießen den Tag zusammen mit dem, was wir mit am liebsten zusammen tun: Sport, Wandern, Reden und am Abend: Lagerfeuer.

Emotionale Kompetenz ist bei uns, Nicole Katharina Balej und Christian Heitzer-Balej von cordat, Teil unseres Ansatzes von „Herzensbildung“ und spielt in unserer Arbeit in allen Formaten eine wesentliche Rolle. Am 24.-26. September bei unserem Führungskräfteseminar in Kooperation mit der Kath. Jugendfürsorge am wundervollen Hermannsberg genauso wie beim Selbstmitgefühlskurs für Frauen, der am 8. Oktober und beim nächsten Meditationskurs für Männer, der am 13. Oktober beginnt. Großen Raum bekommt das Thema auch bei DER SPRINGENDE PUNKT,


unserem Trainingsprogramm für Achtsamkeit, Resilienz und Verbundenheit in Unternehmen und bei unserem Begleitungs- und Weiterbildungsformat TOOLBOX ACHTSAMKEIT, das mit dem ersten von sechs Modulen am 11./12. Oktober 2025 in einen neuen Durchgang geht. Alle Infos unter www.cordat.org!

Klasse, Bruder!
LikeLike