„Kommst du aus dem Urlaub?“ Ihre Arbeitskolleg*innen waren verblüfft, mit welcher Energie sie zur Tür hereintrat, um ihre Schicht zu beginnen. Wie kam es zu dieser unerwarteten Wirkung? Wie war sie zu dieser Veränderung gekommen?

Achtsam gehen
Als Teilnehmerin unserer dreiteiligen Fortbildung „Stark und gelassen durch Krisen und Konflikte. Achtsamkeitstraining und Emotionsregulation als wirksame Strategien im Krisenmanagement“ hatte sie sich das kleine Tool in den Alltag mitgenommen, die Strecke vom Parkplatz ihres Autos bis zur Eingangstür ihrer Einrichtung, wo sie arbeitet, bewusst zu gehen: ohne Eile, Schritt für Schritt das Gehen genießend, achtsam, das heißt mit einer nicht-wertenden Aufmerksamkeit, den Moment wahrnehmend, alle Sinne auf „on“ geknipst.
Diese kleine Strecke, kaum fünf Minuten, haben gereicht, noch vor Arbeitsbeginn innerlich in so eine Ruhe zu kommen, dass es für ihre Kolleg*innen direkt spürbar war. Kann es so einfach sein, zu entspannen?
Einfach diese kleine Strecke bewusst gehen, kaum fünf Minuten haben gereicht, um in eine solche Ruhe zu kommen, dass sie für andere spürbar war. Kann es so einfach sein, zu entspannen?
Tools für den Alltag
Die Tools, die wir für eine achtsame Haltung im Alltag einüben, sind tatsächlich einfach. Es geht um die simpelsten Dinge; um unsere Basics im Leben: Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Essen, Trinken usw. Es sind Dinge, die wir ständig tun, wir müssen sie also nicht mehr lernen. Die Veränderung liegt darin, wie wir sie tun. Wir üben ein, sie (wieder) bewusst zu tun. Etwa beim Weg vom Parkplatz zu unserer Arbeitsstelle nicht gleichzeitig schon unsere bald folgende To-do-Liste durchgehen. Oder beim Duschen das klitzekleine Wellnesserlebnis im Alltag nicht dadurch konterkarieren, dass wir den möglichen Stress eines bevorstehenden Meetings vorwegnehmen.

Einfach und dennoch nicht leicht
„Einfach“ heißt natürlich noch nicht, dass es auch „leicht“ ist, im Alltag, immer wieder diese bewusste Haltung einzunehmen, also wirklich mitzubekommen, wo ich jetzt gerade in diesem Moment wirklich (noch oder schon) bin; mir noch zu erlauben, eben in Gedanken oder im Herzen nicht schon bei der Arbeit sondern ganz im Hier und Jetzt zu sein: die Sonnenstrahlen oder die Regentropfen auf der Haut zu spüren, die Vogel zwitschern zu hören, die Gerüche des Frühlings, Sommers oder Herbsts wahrzunehmen und den Geschmack vielleicht noch vom Frühstückskaffee im Mund.
Wie wir den Urlaub (nicht) verschlafen
Wir glauben oft nicht, wie viel Entspannungspotenzial in unserem Alltag liegt und wie viel Lebensqualität wir dadurch liegen lassen. Es ist so oft eben nicht der Jahresurlaub, der uns endlich in die Ruhe und Entspannung führt. Wenn wir im Alltag nicht lernen, das Potenzial für Frieden, Ruhe und Entspannung aufzuspüren, sind wir im so lang ersehnten Urlaub oft erstmal so müde, dass wir die Hälfte davon verschlafen. Oder wir machen uns gleich direkt im Urlaub auch wieder Stress mit viel Aktivitäten, die wir uns vorgenommen haben, weil wir es nicht anders gewohnt sind und damit tief in uns drin glauben, nicht anders zu können.

Uns selbst und den Dingen erlauben zu sein, wie wir sind
Etymologisch, also hinsichtlich der Bedeutungsgeschichte des Wortes, hängen „Urlaub“ und „Erlaubnis“ eng zusammen. Ursprünglich ist sogar das „u“; das „e“ ist nur die abgeschwächte Form. Urlaub ist also eine Form von Erlaubnis. Urlaub führt – erst – dann zu dem, wonach wir uns meist sehnen, nämlich zu Entspannung, wenn wir uns das Hier und Jetzt erlauben. Wenn wir uns und den Dingen in den alltäglichen Stunden und Erledigungen des Alltags wenigstens für Momente immer wieder erlauben, zu sein, wie wir nun mal gerade sind, dann ist das tatsächlich Urlaub. Wenn wir uns erlauben, uns selbst und die Welt um uns herum freundlich und achtsam, also nicht-wertend wahrzunehmen, dann finden wir Entspannung und innere Ruhe.
Urlaub ist Erlaubnis. Echte Entspannung tritt ein, wenn wir uns und den Dingen erlauben so zu sein, wie sie sind. Das ist Urlaub mitten im Alltag.

Im Alltag urlauben
Tatsächlich haben viele Menschen das Problem, sich überhaupt wenig zu erlauben – und damit im Alltag zu urlauben. So viele Menschen sind gerade deshalb so streng zu sich selbst (und manchmal dann auch zu anderen), weil sie sich nichts erlauben. Die Wurzel mangelnder Entspannung, eines Mangels an inneren Frieden ist oft mangelnde Erlaubnis, sich selbst etwas Gutes zu tun, etwas zu gönnen oder gar gut für sich selbst zu sorgen.
Urerlaubnis
Manchmal geht diese mangelnde Erlaubnis so weit, dass so etwas wie die Urerlaubnis fehlt, die Erlaubnis, überhaupt zu sein: das Ja zu ihrer eigenen Existenz, seinen Platz im Leben und in dieser Welt einzunehmen. Manche Menschen bewegen sich im Leben so, als würden sie stören, als müssten sie sich ständig entschuldigen, da zu sein. Bin ich es wert, hier zu sein?
Die Wurzel mangelnder Entspannung ist oft mangelnde Erlaubnis, für sich selbst sorgen zu dürfen. Manchen Menschen mangelt es sogar an so etwas wie der Urerlaubnis zu sein. Es fehlt ihnen das uneingeschränkte Ja zu ihrer eigenen Existenz.
Die Verantwortung zu sein
Jeder Mensch auf dieser Erde darf sich erlauben, seinen Platz einzunehmen. Und vielleicht ist diese Urerlaubnis sogar mehr als ein Recht: Wir dürfen das nicht nur tun, es ist sogar unsere Bestimmung, unseren Platz im Leben einzunehmen und Verantwortung für dieses so kostbare einzigartige Leben und seine Möglichkeiten zu übernehmen. Und natürlich ist das alles kein Egotrip: Mit solcher Art Urlaub, Erlaubnis und Urerlaubnis entspannen wir nicht nur uns selbst, sondern unsere ganze Umgebung – ob in der Arbeit, zuhause oder in der Welt. Und das können wir nun wahrlich brauchen!
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* Mit dieser Wortschöpfung weise ich darauf hin, dass der deutsche Wortstamm erlaub wie zum Beispiel in erlauben oder Erlaubnis aus mhd. urloup entstanden ist. Das „U“ in Urlaub ist nur dadurch erhalten geblieben, weil das Wort im Anlaut betont wird. Wo das „U“ nicht mehr betont wurde, wurde es zu „e“ abgeschwächt. Urlaub ist also etymologisch gleichbedeutend mit Erlaubnis.
Möchtest auch du in dein Leben oder in dein Unternehmen mehr Bewusstheit, Lebensqualität und Frieden bringen? Auf www.cordat.org findest du unsere aktuellen Veranstaltungen und Trainingsformate: DER SPRINGENDE PUNKT ist unser Trainingsprogramm für Unternehmen. Hier lernen Führungskräfte und Mitarbeitende, nicht nur wie sie durch Achtsamkeit, Resilienz und Verbundenheit ihre mentale Gesundheit stärken sondern ihren Platz in der Arbeit und im Leben finden. TOOLBOX ACHTSAMKEIT ist unsere Weiterbildung für alle, die die Kraft der Achtsamkeit nachhaltig in ihr Leben integrieren – und an andere weitergeben möchten. Dieses Format ist auch als Mutliplikatorenschulung für Einrichtungen und Unternehmen durchführbar.



Ganz wunderbar!
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