Dolce far niente. Vom Glück des süßen Nichts-Tuns

Wie konnte das passieren? Bei meiner großen Liebe zu diesem wundervollen Land mit seiner Sprache, der ich so gerne lausche; bei meinem immer neuen Erkennen, wie wichtig es ist, aus dem ewigen Tun immer wieder herauszufinden: Ich habe in bald 150 Blogbeiträgen noch nie über dolce far niente, das ‚süße Nichts-Tun‘, geschrieben?

Das Strandcafé

Alle Bilder dieses Beitrags: Christian Heitzer-Balej und Nicole Katharina Balej

Ich sitze in meinem absoluten Lieblingsstrandcafé und schaue auf das Meer. Kaum irgendwo anders, so kommt mir vor, kann ich das Leben mehr genießen als an diesem Ort. Ich lausche dem Italienisch der Ragazze, die hier den Siebträger bedienen, Gelato und mittags auch Pasta ausgeben. Ich schaue auf die flatternden blauen Schirme vor dem Horizont, ich höre die Musik aus dem Lautsprecher und auch die Wellen, spüre den Wind, rieche das salzige Wasser, den Geschmack des letzten Cappuccinos auf den Lippen. Ich bin hier. Alle Sinne eingeschaltet. Gleichzeitig fühle ich mich als Teil des Ganzen. Wie einer dieser Stühle oder Tische. Teil eines Gesamtensembles, das für manch einen nichts Besonderes sein mag, für mich aber nicht weniger schön ist als ein Fresko von Giotto oder eine Skulptur von Michelangelo.

In der Wiege europäischen Kulturgeschichte

Es ist kein Zufall, dass beide, Giotto und Michelangelo – wie so viele weitere Berühmtheiten der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte – aus diesem Landstrich hier kommen. Auch der vielleicht schillerndste Heilige des Christentums, Franz von Assisi, auf dessen Wegen wir in den vergangenen Tagen auch wieder unterwegs waren (siehe der vorangegangene Blogbeitrag), hat nicht weit von hier gelebt und gewirkt. Franziskus, ein Vorbild hinsichtlich der Verbundenheit nicht nur nach oben zum Göttlichen und in die Tiefe zur Mutter Erde, sondern auch zu den Menschen und allen Geschöpfen, deren vielfältige Sprachen er wie selbstverständlich zu sprechen verstand.

Ganz, lebendig, eins

Hier spüre ich mich ganz, lebendig und eins mit allem, was ist. Hier muss ich niemand sein außer ich selbst. Hier fühle ich keine Unzulänglichkeiten, allenfalls diese leise, aber nicht zehrende, sondern über mich hinausweisende Sehnsucht. Hier steht mein „Café am Rande der Welt“, so der deutsche Titel von Streleckys weltberühmtem Dauerseller „The Why-Café“.* Hier können all die Fragen nach so manchem Warum, Wann oder Wie auftauchen, aber so, dass ich ihnen gern und interessiert lausche. Und auch mal Antworten kommen, ohne dass sie es müssen.

Das Tun lassen und dankbar sein

Vielleicht deshalb, so wird mir bewusst, weil ich hier in diesen Zustand von Muße, Nicht-Tun und Nichts-Tun gelange, was mir gar nicht so leicht fällt, wie ich manchmal denke: nicht doch noch irgendetwas erledigen oder Sinnvolles leisten. Ich schalte hier das Tun und das Müssen ab. Und meine Sinne ein. Das Genießen. Und Sein. Es ist, was sonst am ehesten in der (Sitz-) Meditation entsteht: ein Gewahrsein, jenseits der Grenzen von Ich und Selbst. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit; ich schwinge ein in das Geschenk des Lebens; ich bin Dankbarkeit und gleichzeitig Geschenk.

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Wahrscheinlich ist all das viel zu philosophisch und zu prätentiös für das bescheidene dolce far niente. Und doch hat auch und gerade Alltagssprache diese tiefe Wahrheit. Vielleicht sind diese drei italienischen Wörter einfach nur weise. Allein das Erste entfaltet einen magischen Zauber. „Dolce“. Kein Land, keine Sprache, die ich kenne, verkörpert den Genuss am Essen und insbesondere am Süßen derart wie Bella Italia. Das Wort schmilzt beim Aussprechen geradezu auf der Zunge und schmeckt selbst wie ein Tiramisu oder Pistazieneis. Wie wundervoll, dass das Italienische also nicht einfach nur vom Nichts-Tun redet, sondern vom süßen Nichts-Tun. So wird das Nichts-Tun tatsächlich zum Genuss, der es auch sein darf. Wenn wir in unseren Seminaren und Trainings unsere Teilnehmer*innen zu einer halben Stunde Nichts-Tun einladen, sie also aus dem Seminar-Setting nach Draußen schicken auf einen Spaziergang, zum Sitzen auf einer Bank – ohne Ablenkung durch Handy, Musik oder ein Buch, dann ist das für manche eine regelrechte Herausforderung, der berühmte Schritt aus der Komfortzone. Von genussvoller Süße ist das (noch) weit entfernt.

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Tun ist der akzeptierte Modus unserer (westlichen) Lebensweise. Solange wir etwas tun bzw. tun können, solange wir etwas leisten, fühlen wir uns in Ordnung. Wehe es zwingt uns eine Erkrankung zum Gegenteil. Burnout und Depression stehen in unserer Gesellschaft wie Volkskrankheiten für die Überforderung dieses Tun-Anspruchs. Dabei ist so offenbar, so weithin sichtbar, dass nahezu alle Inspiration, Erkenntnis und alles (Er-) Finden nicht im Tun kommt sondern in der Pause, der echten Pause, der ohne Ablenkung.

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Natürlich gäbe es – kurioserweise – über das Nichts viel zu sagen und es ist ja auch viel geschrieben worden. In der Geistesgeschichte (z.B. Nietzsches Nihilismus) und auch in der Religionsgeschichte (vgl. den so vielfach missverstandenen Nirwana-Begriff im Buddhismus). Mir kommt das niente in diesem Moment wie die „Antwort“ auf das italienische grazie. Ein Danke wird im Italienischen wie in anderen romanischen Sprachen mit einem „nichts“ (im Sinne von: ‚nicht der Rede wert‘) beantwortet. Wenn wir über das Tun hinauskommen und uns mehr und mehr in das Sein einfinden und wenn wir Dankbarkeit wirklich fühlen, ist die Antwort des Lebens ein schlichtes niente. Dieses niente ist entlastend. Das Leben braucht nicht einmal unsere Dankbarkeit. Für uns aber ist genussvolles, süßes Nicht-Tun-Müssen, dieses dankbares Sein quasi alles. Es ist mit einem anderen Wort: das große Glück.

Eine herausragende Gelegenheit, nicht nur das Glück des ’süße Nichts-Tun‘ zu kosten, sondern eine Haltung der Achtsamkeit nachhaltig ins eigene Leben zu implementieren, bietet unser Begleitungs- und Weiterbildungsformat TOOLBOX ACHTSAMKEIT. Bis 30.06. gibt es den nächsten Durchgang noch zum Frühbucherpreis!

Am 6. Juli gibt es ein Tagesretreat auf dem wundervollen Harlachberg mit der Möglichkeit, Achtsamkeit outdoor & YinYoga zu praktizieren; außerdem gibt es hier eine herzöffnende und verbindende Kakaozeremonie, eine Klangreise und zum Abschluss einen Kirtan mit viel Lebensfreude, Musik, Gesang, Mastern und Tanz.

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*Darüber habe ich vor ziemlich genau vier Jahren schon einmal in einem Blogbeitrag geschrieben.

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