Ode an die Freu(n)de

„Na, wie war dein Übergang ins neue Jahr?“, hört man es oft in diesen Tagen. Unserer war – nennen wir es mal: speziell. Am Silvestertag wollen wir dem Regensburger Dauergrau entfliehen und machen uns mit unseren Freunden von ABENTEUERerLEBEN auf zum Arber, den König des Bayerwalds, damit wir auch wirklich unsere Sinne mal mit Sonne und Schnee nähren können. An der letzten Kreuzung vor dem Arbersee lässt uns unser VW-Bus im Stich. Fährt keinen Meter mehr. Dort, wo in den nächsten Stunden gefühlte Millionen weiterer sonnen- und schneehungriger Menschen vorbeiwollen, stehen wir nun, unser VW-Bus wie im Schaufenster, wie eine Installation, um die alle herummüssen.

Autopanne im Touristen-Hotspot

Nicki und ich vor unserem Pannenauto. – Fotos, wenn nicht anders vermerkt: Christian Heitzer-Balej; Titelbild: Samuel Heitzer

Was nun? Zwei von uns raus in die Kälte, Warnwesten anziehen, Warndreieck aufstellen und die anderen Hungrigen vorbeiwinken. Pannendienst ordern und gesagt bekommen: Dauert bis zu 90min. Wir schicken unsere Freunde auf den Berg und richten uns am Pannenort ein. Aus den 90 werden 180min, also drei Stunden. Bibbernd, aber mit heißem Tee ausgestattet, warten wir. Alles sch***? Wir finden vor, was wir finden wollten: Schnee und Sonne. Gott sei Dank kommt die Sonne mit der Zeit zielgenau auf uns herunter und wärmt uns zunehmend auch von außen. 

Sich am Schnee und an der Sonne freuen

Natürlich war da zunächst der Schock, dass das Auto nicht mehr will, etwas Nervosität, was jetzt zu tun ist. Tatsächlich aber haben Nicki und ich uns in keiner Minute dieser drei Stunden wirklich geärgert über ein verpasstes Bergabenteuer. Auch wenn die Bedingungen ganz anders waren, als wir es uns vorgestellt hatten: Es gab Sonne und wundervolle Eiskristalle. Und wir hatten uns. Manchmal war es etwas nervig, wenn wieder jemand nicht verstehen wollte, dass das Auto da wirklich steht und stehen bleibt – weil es einfach nicht mehr kann; und auch das Recherchieren, wie wir dann (zusammen mit unseren Gipfelstürmern) am sinnvollsten zurück nach Regensburg kommen, hat sich über zwei der drei Stunden hingezogen. Aber wir hatten wirklich Freude an der Sonne, am Schnee und an uns. Und: an den vielen Menschen aus Nah und Fern, die hier an dieser Kreuzung vorbeikamen und fragten, ob sie helfen können; die ein freundliches Wort für uns hatten; der Linienbusfahrer, der auf immer neuen Runden an uns vorbeigefahren ist, ein kurzes Pläuschchen mit uns gehalten und uns ein Lächeln geschenkt hat. Manch einer hätte hier den Glauben an die Menschheit wiedergefunden – einen Glauben, den wir nie verloren haben.

Alles sch***?

Hier knüpfe ich nahtlos an den letzten Blogbeitrag „A Sky Full of Stars“ an. Viele malen schwarz in Zeiten wie diesen. Überall in Europa sind „die Rechten am Vormarsch“ (wenn nicht schon in der Regierung), in den USA kommt nun Trump, der offen seine Bewunderung für seine Autokraten-Kollegen kundtut und Putin scheint mit seinem Krieg mindestens ein Teilziel zu erreichen. In Deutschland gibt es vorgezogene Neuwahlen, auf die viele mit bangen Blicken schauen, in Österreich sieht man, dass es nicht (mehr) gelingt, „die Rechten vom Regieren fernzuhalten“, so wie man das in Sachsen noch mit der ungewünschten Nothelferin Sarah Wagenknecht irgendwie hinbekommen hat. Und nebenbei geht ja auch noch die Welt unter – zumindest wird es für die Menschen zunehmend ungemütlich auf diesem Planeten. Alles sch*** auch im großen Ganzen?

O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern laßt uns angenehmere anstimmen
Und freudenvollere

Freude!
Freude!

Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, / Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. / Deine Zauber binden wieder, Was die Mode streng geteilt, / Alle Menschen werden Brüder, / Wo dein sanfter Flügel weilt. 

Wem der große Wurf gelungen, / eines Freundes Freund zu sein / wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein! / Ja–wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund! / Und wer’s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund! 

Freude heißt die starke Feder / in der ewigen Natur. / Freude, Freude treibt die Räder / in der großen Weltenuhr. / Blumen lockt sie aus den Keimen, / Sonnen aus dem Firmament, / Sphären rollt sie in den Räumen, die des Sehers Rohr nicht kennt. 

Text: Europahymne nach Friedrich Schiller, Ode an die Freude

Dem Schwierigen und Schweren nicht mit Jammern begegnen

Die Vermieterin unserer Geschäftsräume in Regensburg sagt auf meine Frage, wie es ihr geht, gern: „Herr Heitzer, einen Grund zum Jammern gäbs immer!“ Ja, es gibt Grund, zu klagen. Es gibt Leid auf dieser Welt. Im Kleinen wie im Großen. Wir Deutschen jammern gern (im Sinne von: viel), obwohl wir im Allgemeinen zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören.  Es geht nicht darum, die „Probleme“- ich spreche lieber von Herausforderungen – abzutun und nicht ernst zu nehmen. Auch ich nehme wahr, was vor sich geht: in mir, um mich herum und in der Welt. Auch ich sehe viel Druck, Hass, Zerstörung, Leid. Doch ich möchte nicht mehr jammern und auch nicht mehr schwarzmalen. Ich möchte Teil der Veränderung sein, die unsere Gesellschaft und unserer Welt tatsächlich brauchen, um sich zu transformieren, zu heilen. Wenn ich eines dabei gelernt habe: mich an dem nähren, was mir Freude bereitet.

Zärtlich mächtig

Am Neujahrstag haben uns wunder-volle Freunde eingeladen, der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens zu lauschen. In meinem eigenen Schatz findet sich tatsächlich eine LP (für die Jüngeren unter uns: eine Vinyl-Schallplatte) davon, die ich lange nicht mehr herausgeholt habe. Dem Konzert zu lauschen war ein Erlebnis. Wie sich das weltberühmte musikalische Motiv verbunden mit den ebenso weltberühmten Zeilen von Friedrich Schiller so zart, ja geradezu zärtlich enfaltet, wie es sich zu einer mächtigen Fanfare entwickelt und in einem Finale furioso endet!

Der Götterfunke in uns

Photo by Matheus Bertelli on Pexels.com

Ja, es ist wahr: Freude ist ein Götterfunke. Lebensfreude ist dieser kostbare göttliche Funke in uns, der uns antreibt, in Bewegung bringt: Motivation. Mit Jammern lösen wir kein Problem auf dieser Welt. Mit beherzter Freude ist alles möglich. Freude ist „die starke Feder in der ewigen Natur“, wie es in der oben zitierten Fassung der Europahymne heißt. Und, was ein Satz: „Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr.“ Ich habe nachgelesen, dass Schiller seine so berühmten Zeilen im Nachhinein gar nicht so toll fand. Irgendwie war es ihm too much mit der Freude, das Leben hat ihn eingebremst in seinem Überschwang. Wie es so vielen Menschen geht im Lauf ihres Lebens. 1785 ist seine „Ode an die Freude“ entstanden, da war er 26 Jahre alt. Mit nicht mal 46 Jahren ist er gestorben. Seine Zeit war nicht minder umwälzend wie unsere heute. Sein Dichterwerk – man denke nur an „Die Räuber“ war selbst Teil der Transformation (s)einer Zeit, die 1789 in die Französische Revolution und, von der Unabhängigkeitsbewegung in Amerika kommend, in die Erklärung der Menschenrechte mündete.

Verbundenheit und gemeinschaftliches Engagement

Die großen Herausforderungen aller Zeiten brauchen vor allem dieses: Verbundenheit und gemeinschaftliches Engagement. Freude, dieser göttliche Funken, führt uns in die Verbundenheit zum Leben selbst, lässt uns teilhaben am kreativen göttlichen Potenzial. Verbundenheit schafft Freundschaft. Freundschaft mit uns selbst, mit unserem Gegenüber, ganz gleich ob Mensch, Tier, Pflanze oder der ganze Planet. Aus Verbundenheit heraus ist alles möglich. Und das Wunder-volle ist: Wir brauchen Verbundenheit nicht einmal herstellen – schon gar nicht mit großer Anstrengung. Denn: Verbundenheit ist immer da. Die (Vorstellung von) Trennung ist es, die das Übel in unser Leben und in die Welt bringt. Schon Albert Einstein hat mit Blick auf den Kosmos, das Universum, das sein Forschungsgegenstand war, von der „Illusion des Getrenntseins“ gesprochen. In Wahrheit ist alles mit allem verbunden, hängen alle und alles mit allen und allem zusammen. Wir brauchen uns (nur) auf die Verbundenheit besinnen, in dieses Netzwerk eintauchen und können aus ihm heraus kreieren. 

Sich als eine Menschheitsfamilie verstehen

Noch ist viel Unruhe in der Gesellschaft und viel Krieg in der Welt; noch droht der Mensch sich aus dem Erdenrund selbst hinauszubefördern. Doch es gibt viele Menschen, die unermüdlich sich für Wiederverbindung einsetzen, die in einer freudvoll-anpackenden und unbeirrbar konstruktiven Weise sich für das Aufbauend-Heilvolle arbeiten. Noch ist auch unser VW-Bus nicht wieder fahrbereit. Getriebe und Motor sind noch nicht wieder miteinander verbunden. Aber Menschen aus unserer Familie und Freunde haben uns – auf teilweise wahrlich abenteuerliche Weise – aus der Situation herausgeholfen. Wir schätzen unsere Familienbande und unser Freundesnetzwerk über alles und wir haben es auch in der Autopanne erlebt, wieviel Freundlichkeit und freundschaftliche Angebote da waren. Wir glauben an die Freude, diesen schönen Götterfunken. Freude „lockt die Sonnen aus dem Firmament“. Ihre „Zauber (ver-) binden wieder“. „Alle Menschen werden Brüder“ bzw. Geschwister, „wo ihr sanfter Flügel weilt“: Wenn wir lernen, uns als eine einzige Menschheitsfamilie zu verstehen. Deshalb singe ich mit diesem Beitrag bewusst (m)eine Ode an die Freu(n)de! 

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Ein Kommentar zu „Ode an die Freu(n)de

  1. lieber Christian, was für ein ermunternder Beitrag,ich bin dir sehr dankbar für diese Ode an die Freu(n) de.alles Liebe, auch an Nicki! Hans Hastreiter…Blätterberg 20 A…93437 Furth im Wald…mobil 0171-1966003…daheim 09973-802726

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