Two in the wild. Zwei Jahre Abenteuer Leben in einer Yurte auf einem alten Gutshof

Am 14. Januar 2024 sind wir räuchernd und trommeln übers Gut gezogen und haben uns verabschiedet. Mehr als zwei Jahre, genau 25 Monate oder 108 Wochen oder 761 Tage haben wir, Nicki und ich, in einer Yurte* gewohnt. Es wäre wert, ein Buch darüber zu schreiben. Für den Moment halte ich einige Gedanken und Gefühle unseres Abschieds von dort in diesem Blogbeitrag fest, so wie es schon einige Beiträge auf diesem Blog zu unserem Leben in der Yurte gibt.

Alle Bilder dieses Beitrags: Christian Heitzer-Balej

Liebe auf den ersten Blick

Wir haben sie lange geliebt. Nicht ganz bis zum Schluss aber fast. Als ich diese Yurte das erste Mal betreten hatte, im schon kalten Spätherbst 2021, überkam mich sofort beim Öffnen der Tür eine heilige Scheu. Der runde Raum, die gläserne Kuppel, die Scherengitterkonstruktion aus Holz, der Schaffilz und die ganz besondere Akustik haben mich in geradezu ehrfürchtiges Staunen versetzt. Sofort war da dieses biblische „Zieh deine Schuhe aus! Wo du stehst ist heiliger Boden…“, als Mose am brennenden Dornbusch stand.

Aus einer Woche wurden zwei Jahre

Die Gutsbesitzerin hatte uns eingeladen. Zunächst für eine Woche, sehr bald für ein Jahr und dann für unbestimmte Zeit, in der Yurte zu wohnen – bis anderer sanierter Wohnraum auf dem Gut zur Verfügung steht. Für uns war das Wohnen in der Yurte natürlich ein äußerst reizvoller Gedanke und wir waren ja schon lange Tiny-house-affin. Vor allem aber zog es uns aufs Land und dies insbesondere vor dem Hintergrund unserer langjährigen Vision von einem Leben und Arbeiten auf einem weitläufigen Gelände im Grünen, wo wir gerne ein Seminar- und Retreatzentrum mit Gästebetrieb und Gastronomie aufziehen möchten oder, wie in diesem konkreten Fall, Teil eines Teams sein, ein solches Zentrum zu entwickeln. Da die Familie der Gutsbesitzer allerdings im Verlauf des vergangenen Jahres für sich gespürt hat, dass sie das Gut aus verschiedenen Gründen dorthin nicht entwickeln wird, kam auch uns das Warum und damit der Sog abhanden. Was schließlich dazu geführt hat, dass wir nun neu aufbrechen mit unserem Leben und Arbeiten und auch mit unserer Vision.

Nomadenbehausung

Eine Yurte ist nicht zum dauerhaft an einem Ort Bleiben gedacht und gemacht. Zumindest in den Kulturen, wo sie zuhause ist. Wie so vieles übernehmen wir „im Westen“ viele Dinge und auch Ideen einfach mal so aus anderen Kulturen und machen das Unsere daraus. Das ist weder richtig noch falsch. Dennoch lohnt es sich, immer wieder hinzuspüren, in welchem Kontext ein Gedanke oder ein Ding wie eine Yurte entstanden ist. Ich möchte hier nicht in die Tiefe gehen, nur anmerken, dass eine Yurte eine Nomadenbehausung ist. Gedacht, sie aufzubauen, eine Weile Stehen zu haben und sie dann abzubauen und wieder weiterzuziehen. Es ist von daher schon nicht verwunderlich, dass es den Menschen mit und auch in einer Yurte nach einer Weile weiterzieht. So wie uns. Wenn auch ohne die Yurte.

Abenteuer Yurte

Das Leben in der Yurte war ein Abenteuer. Natürlich hatte es etwas von Glamping, also Luxus-Camping, insofern wir ein richtiges Bett darin hatten, nach einer Weile einen richtigen Tisch und vier Stühle und auch Strom – im zweiten Jahr sogar Starkstrom für einen richtigen Herd. Dennoch: Wir hatten kein fließendes Wasser. Und schon gar kein fließendes warmes Wasser. Wir haben dennoch, wie wir es lieben, Freund*innen und Famile eingeladen und wir haben oft dort für viele gekocht, gegessen und gefeiert – mit unserem Lieblingsgeschirr. Der Geschirrspüler war in der Regel ich selbst, was mit dem Pumpwaschbecken schon eine Herausforderung ist, erst recht dann, wenn warmes Wasser nur über einen Wasserkocher zu generieren ist.

Unmittelbarkeit des Erlebens der Natur

Natürlich sind wir noch lieber draußen am Lagerfeuer gesessen, und das nicht nur im Sommer. Aber in der kalten und nassen Jahreszeit eben auch drinnen. Das größte Abenteuer am Leben in der Yurte war aber vielleicht diese Unmittelbarkeit des Erlebens der Natur; des Wetters; des Jahreskreises. Jeder einzelne Regentropfen, Hagel, Blitz, Donner und Wolkenbruch und der Wind in allen Stärken kam sofort und live in Ton und Farbe bei uns an. Im Sommer vor allem die Hitze.

Das Handling von Kälte und Hitze

Immer wurden wir zuerst gefragt: Wie macht ihr das im Winter? Wir hatten einen mächtigen Holzofen in der Yurte, das Beheizen im Winter war also kein Problem. Wobei: Waren wir einmal  ein oder zwei Tage übernacht auf Seminar, dann ist uns in der Yurte schon mal das Olivenöl und anderes in der Flasche geronnen oder gar gefroren. Und natürlich haben wir dann mal ein paar Stunden unter der Decke gebibbert, bis der Ofen die Yurte wieder auf Wohntemperatur geheizt hat. Tatsächlich war die große Sommerhitze schwieriger zu händeln; da gab es Nächte, da mussten wir wirklich auswandern, weil die Hitze nicht herauszubringen war.

Minne und Aventiure

Es gibt vom Yurten-Leben noch viel zu Schreiben. Für den Moment noch diese philosophische Einlassung: Das Leben erstreckt sich in der Pendelbewegung von Aufbrechen und Innhalten, Gehen und Bleiben, mittelhochdeutsch minne (Liebe) und aventiure (Abenteuer), wie es in der ritterlich-höfischen Philosophie des Mittelalters hieß. Minne ist die Liebe zum Leben und zueinander. Das gemeinsame Innehalten. Minne ist der Glaube, dass wir in der Verbindung zueinander die Kraft für die Herausforderungen der aventiure, des Abenteuers Leben schöpfen. 

Abschied per sofort

Dass wir mit unserer Vision vom Aufbau eines Seminar- und Retreatzentrum auf dem Land hier in einer Sackgasse gelandet waren, war uns, wie oben bereits erwähnt, schon klar geworden. Doch das Leben hat uns dann sehr konkret aus der Yurte herausgerufen und vom Gut gespült. Zuerst der Vollbrand eines der 14 Gebäude auf dem Gut am 19. Dezember vergangenen Jahres, den wir mitten in der Nacht von der Yurte aus miterlebt haben. Dann kam mitten im Winter ein Sturm mit Blitz und Donner, anschließend Dauerregen und Hochwasser. Die Hinweise auf die Notwendigkeit eines sofortigen Abschieds – nicht erst wie geplant im März/April – waren unübersehbar. Wir sind dem Fluss des Lebens gefolgt und haben unser „Zelt“ abgebrochen.

Wenn du gehen musst, geh sauber, klar, mit Wertschätzung. Denn so, wie du aus dem alten Kreis deines Lebens heraustrittst, gehst du in den neuen hinein

Veit Lindau

Wenn du gehen musst, geh mit Würde.

Nach einem letzten Treffen in der Yurte mit ganz besonderen Freunden am 30. Dezember hatte ich diese um einen Rat für unseren Abschied gebeten. Darunter waren diese wundervollen Worte: 

Geh in die Nacht hinaus und bedanke dich bei allen, die dich bis hier her geliebt, genährt, inspiriert und unterstützt haben, segne den Ort, von dem du dich verabschieden wirst und die Menschen, die ihn gestaltet und bewohnt haben und dann sprich dein Gebet, deinen Herzenswunsch für euren nächsten Lebensabschnitt hörbar aus. Das große Geheimnis wird antworten.

Johannes Waldbauer

Genau so haben wir es gemacht. Vier Monate liegen nun zwischen unserem Abschied von der Yurte und vom Gut. Zeit zur Neuorientierung. Noch ist unsere Transformation nicht abgeschlossen – aber wann ist sie das schon? Wir sind auf einem neuen Lebensabschnitt. Und wir sehen, dass er gut ist. Doch das ist eine neue Geschichte. Für einen neuen Beitrag auf diesem Blog.

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* Ich schreibe das Wort lieber mit „Y“, auch wenn es im Deutschen mit „J“ gebräuchlich ist. Warum ich das tue, dazu der Beitrag „Ypsilon“ vom 10. September 2022 hier auf diesem Blog.

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