Speranza per il mondo. Hope for the world. Warum selbst in Zeiten wie diesen noch Hoffnung besteht

 

„What we try here is boredom“, sagt Alessandro, als wollte er meinen letzten Blogbeitrag („Dolce far niente“) bestätigen. Hier, hoch oben über dem Lago Maggiore, versuchen sie bewusst, Langeweile zu üben. „But it’s not easy!“ Klar, dass das nicht leicht ist auf einem solchen Bergbauernhof, wo es immer etwas zu tun gibt. Zusammen mit zwei Freunden lebt er hier. Geboren in Palermo und aufgewachsen hier in der Nähe, arbeitet er in Turin in der Automobilbranche, auch wenn das nicht wirklich sein „cup of tea“ ist, wie er sagt. Natürlich geht da in Zeiten wie diesen auch viel remote, aber er ist regelmäßig in seinem Büro in Turin. Sein Freund Simone, dessen Freundin hier schon als Kind mit den Pferden unterwegs war und die die eigentliche Mieterin des Bauernhofs ist, hat ebenfalls Stadt- und Auslandserfahrung: Auch er ist hier in der Nähe aufgewachsen, war dann ein Jahr in London und auch ein halbes Jahr in Berlin, arbeitet nun in „Milan“, wie beide Jungs Mailand nennen, und lebt hier auf dem Bauernhof.

WIr, Nicki und Christian mit Alessandro, in Palermo/Sizilien geboren und am Lago Maggiore aufgewachsen. – Alle Bilder dieses Beitrags: Christian Heitzer-Balej.

Herzensprojekte auf dem Bergbauernhof

Das Herzensprojekt der Drei ist das hier oben. Sie arbeiten mit Pferden, versorgen sich mit selbst angebautem Gemüse, haben eigene Hühner und vermieten auch Stellplätze. Die Hühner müssen sie offensiv gegen Füchse und Greifvögel und zusammen mit ihren Hunden schützen. Die noch größere Leidenschaft der jungen Männer ist die Musik. Sie sind DJs und spielen auch selbst Instrumente, waren mit Band auch auf Tournee sogar in Deutschland – ein Bandmitglied ist Österreicher und lebt hauptsächlich in München. Insgesamt machen sie hier viel „mit den eigenen Händen“, sagt er. Genau das darf hier noch ein echtes Standbein mit Workshops etc. werden, so Alessandro.

Kosmopolitisch und heimatverbunden im Projekt „Bistro della Mama“

Wie Alessandro spricht auch „Olli“ (Olliviero) bestes Englisch und auch noch weitere Sprachen. Olli haben wir Tags zuvor eine dreiviertel Stunde von hier kennengelernt. Er dürfte nicht nur in einem ähnlichen Alter wie Alessandro, Simone und Nina sein. Auch er kennt die (große) Stadt und das Ausland; er hat in Milan und in Schweden Skandinavistik studiert.

Nicki mit Olli, der uns nicht nur von seinem guten Essen, seinem besonderen Weißwein und seinem hervorragenden Kaffee sondern auch von sich, seinen Träumen und dem Projekt seiner Mutter und nicht zuletzt von der „pinken Stunde“ überm Lago d’Orta gesprochen hat.

Und ist nun nach Hause zurückgekehrt in das Projekt seiner Mutter eingestiegen, eine Bistrot-Bar in seinem Heimatdorf direkt am Dorfplatz und am Seeufer zu etablieren. In einem besonderen Konzept bieten sie wenige, aber sehr hochwertige Gerichte an, natürlich sehr ausgewähltem Wein und, sehr ungewöhnlich in Italien, wo es, wie er selbst sagt, „überall nur diesen verbrannten Kaffee gibt“, eine sehr hochwertige Kaffee-Röstung. Ein außerordentlicher Hingucker aber sind neben den Speisen die Räume und ihr Interieur. Mit unglaublichem Feinsinn und Liebe zum Detail wurde der uralte Steinboden wieder sichtbar und begehbar gemacht, der sich anfühlt wie der Boden der 4.000 Jahre alten Gassen von Napoli; die Wände sind auf die Farben des Sees und des Himmels in dieser besonderen Ecke des Piemont abgestimmt – eine echte Augenweide, die uns an Theresa Baumgärtners Hazelnut House erinnert. 

So viel Schönheit – während die Welt in Flammen aufgeht?

So viel Schönheit, so viel Freundlichkeit und Herzensengagement erleben wir in diesen Tagen, da in der Welt schon wieder ein neuer Krieg die Schlagzeilen beherrscht. Man könnte das Gefühl bekommen, die Welt geht nun endgültig in Flammen auf. Und immer die alte Mär, die wir schon aus dem Sandkasten kennen: Der andere hat angefangen. Dazu die immer wiederkehrenden Fragen: Gibt es einen gerechten Krieg? Darf man Tyrannen töten? Wer darf Atombomben haben und wem darf wer sie verbieten? Und um den Kreis zu schließen: Dürfen wir glücklich sein, wenn anderswo Menschen im Bombenhagel sterben? 

Unser Sonnwendfeuer hoch über dem Lago Maggiore. Sinnbild für die Macht des Feuers in alle Richtungen: Zerstörung, Wärme und Transformation.

Gleichmut, Mitgefühl, Glück

Unsere Vipassanalehrerin Christiane Wolf, eine Deutsche, die in Kalifornien lebt und bei der wir vor mittlerweile sieben Jahren im Rahmen unserer MBSR-Lehrer-Ausbildung im österreichischen Vorarlberg zu einem zehntägigen Vipassana-Retreat waren, hat kürzlich auf Instagram einen interessanten Beitrag gepostet, der sich im Zusammenhang mit den oben genannten Fragen mit der buddhistischen Haltung des Gleichmuts (englisch equanimity) beschäftigt: Es ist nichts Falsches daran, ruhig zu bleiben, wir müssen uns nicht wie so viele aufregen und entsetzt sein über das, was gerade in der Welt vor sich geht. Wenn wir gleichmütig sind, bedeutet das nicht, dass wir gleichgültig oder uninteressiert sind. Wenn wir ruhig und zugleich wach und zugewandt bleiben können, unabhängig davon, wie die Umstände im Außen sind, sei dies ein Zeichen, dass unsere Achtsamkeitspraxis wirkt, so Christiane Wolf. Wir dürfen uns also erlauben, gleichmütig und sogar glücklich zu sein, selbst in Zeiten wie diesen. Vielleicht ist eine Haltung von Gleichmut sogar notwendig, damit unser Mitgefühl wirklich kraftvoll ist und bleibt und uns nicht als Mitleid auszehrt. Dazu passt, was ich kürzlich in Chade-Meng Tans „Search inside yourself“ von Matthieu Richard, der laut Forschern als der glücklichste Mensch der Welt gilt, gelesen habe: „Das Glück ist wie ein tiefer Ozean. An der Oberfläche ist das Wasser manchmal aufgewühlt, aber am Grund ist es immer ruhig. Desgleichen gibt es Tage, an denen auch ein zutiefst glücklicher Mensch traurig ist – weil er zum Beispiel andere leiden sieht. Aber unter dieser Traurigkeit befindet sich ein tiefes Reservoir unerschütterlichen Glücks.“

Der Erfahrung von Freundlichkeit als Quelle der Hoffnung

Ich möchte diese, wie ich finde, wertvollen Orientierungshilfen für Zeiten wie diese (und vielleicht überhaupt alle Zeiten) ergänzen um die Erfahrung von Freundlichkeit, Liebe und Hoffnung. Seit wir selbst vor genau zehn Jahren unser Herzensbildungsbusiness CORDAT gestartet haben, begegnen wir immer wieder – und ich möchte sagen: zunehmend mehr bis manchmal geradezu ausschließlich – Menschen, die „das Herz am rechten Fleck haben“; Menschen, die „sich ein Herz gefasst“ haben; Menschen, die gerade dabei sind, ihr „Herzensprojekt“ anzugehen und/oder es etwa im Rahmen unseres Begleitungs- und Weiterbildungsformats TOOLBOX ACHTSAMKEIT entwickeln; Menschen also, die sich ihrer eigentlichen, heimlichen oder großen Liebe zuwenden, um endlich das zu machen, was sie in ihrem tiefsten Inneren schon so lange spüren oder sich wünschen. Sie sind für uns mit einem anderen Wort: Hoffnungsträger*innen.

Nicki und Christian mit Simone (Mitte) einem dieser jungen Hoffnungsträger, denen wir in Italien begegnen durften.

Italienische Hoffnungsträger*innen

Wir haben in den vergangenen zwei Wochen auf einem weiteren Abschnitt unserer, wie wir es mittlerweile gerne nennen: „Weltreise durch Italien“ (weil Italien für uns eine so liebenswerte und wunderschöne wie eigene Welt ist), wieder so viele Herzensmenschen kennengelernt, dass es eine wahre Freude ist. Junge Menschen wie Alessandro, Simone, Nina und Olli lassen mich gegen alle Vernunft und Katastrophenszenarien der aktuellen Zeit glauben, dass doch auch „am Ende noch alles gut“ werden kann. 

Hoffnung ist überall, …

Wir gehen wieder Mal in der ja relativ kurzen Geschichte der Menschheit durch wilde Zeiten. Und vielleicht haben wir Menschen mit unseren „technischen Errungenschaften“ beziehungsweise mit unserer Ausbeuterei diesen Planeten tatsächlich an den Rand des Kollapses gebracht. Und doch kann all das auch ein letztes Aufbäumen sein, bevor in der Geschichte der Menschheit ein neues Kapitel beginnt. Und es hat schon begonnen. Es gibt die Menschen schon, die nicht nur „anders denken“ sondern vor allem „vom Herzen her leben“. Es gibt sie, nicht nur in den Regenwäldern der Amazonas und in den Andentälern Perus; es gibt sie auch in den USA, in Asien und Afrika sowieso; in Niederösterreich, im tiefen Bayerischen Wald oder wie hier in Umbrien und im Piemont. Diese „Bewegung“ hin zu einem freundlichen Miteinander, mehr Verbundenheit, mit sich selbst, mit der Erde, untereinander und über uns Menschen hinaus ist nicht mehr aufzuhalten. 

Sonnenaufgang überm Lago Maggiore zum Abschied von einer weiteren Etappe unserer „Weltreise nach Italien“.

… wo wir den weißen Wolf füttern

Wir sind vielleicht nicht „die Mehrheit“, doch es sind viele. Es ist genug, wenn die Herzensmenschen wie Sauerteig – in Anlehnung an die italienische Lebensart des „süßen Nichts-Tuns“ dolce far niente sollte es besser „Süßteig“ heißen – in den Gesellschaften ihre Transformationsarbeit leisten. Was wir tun dürfen, ist, sie diese Art zu Leben und diese Energie der Freundlichkeit und Liebe immer weiter zu füttern. Wie heißt es so schön in der indigenen Erzählung von dem mit dem weißen kämpfenden schwarzen Wolf, der mit den Mitteln von Hass und Angst kämpft, auf die Frage, wer den Kampf letztlich gewinnt? Der den wir füttern.

Am 6. Juli gibt es ein Tagesretreat auf dem wundervollen Harlachberg mit der Möglichkeit, Achtsamkeit outdoor & YinYoga zu praktizieren; außerdem gibt es hier eine herzöffnende und verbindende Kakaozeremonie, eine Klangreise und zum Abschluss einen Kirtan mit viel Lebensfreude, Musik, Gesang, Mastern und Tanz.

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