In der Stille wachen. Von der Rettung der Welt

Die 72h von Gründonnerstag bis zur Osternacht gelten in der christlichen Tradition als das Triduum, „die heiligen drei Tage“. Am Gründonnerstag sitzen der Meister und seine Freunde ein letztes Mal zum Abendessen zusammen. Natürlich wissen sie zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es ein letztes Mal in dieser Konstellation sein wird. Vielleicht mit einer Ahnung. So wie es uns allen geht: Wir wissen nicht, wenn einer gehen wird. Wir sitzen zusammen, essen und trinken, feiern das Verbundensein. Manchmal gibt es so etwas wie eine Vorahnung.

Alle Fotos dieses Beitrags, wenn nicht anders gekennzeichnet: Christian Heitzer-Balej und Nicole Balej

Bleibet hier und wachet mit mir

Der Meister ahnt seinen gewaltsamen Tod. Er zieht sich zurück und begibt sich in die Stille. Er sucht sich zu sortieren und den letzten Widerstand gegen das Unausweichliche aufzugeben. Er bittet seine Freunde, mit ihm in der Stille zu wachen. Sie aber fallen in Schlaf. Als die Soldaten kommen, um den Meister abzuführen, ziehen einige das Schwert. Der Meister aber will, dass seine Freunde die Schwerter stecken lassen.

Nicht um zu schlafen, sondern um aufzuwachen

Wenn wir uns in die Stille setzen, übermannt auch uns nicht selten der Schlaf. Stille ist für den Körper ein Signal, zu entspannen – zu schlafen. Wenn nicht der Kopf etwas dagegen hat und diese Tun-Pause nutzt, um seine Anliegen vorzubringen und uns damit zu beschäftigen. 

Stille Verbundenheit

Die Welt da draußen wie auch die eigene Welt da drinnen, im Kopf, im Herzen und im ganzen Körper ist laut. Eine wichtige oder wichtigtuende Nachricht übertönt, überschreit die andere. Wenn wir diese Dinge sich setzen lassen können, in der Stille so sitzen, dass es leise wird in uns, können wir in die Erde lauschen, die uns trägt. Und uns öffnen für das, was von oben in uns hinein- oder durch uns hindurchfließen möchte. Vielleicht treffen wir uns im weisen Herzen, unserem innersten Kern: die Erde, der Himmel und die eigene Essenz. So können wir das Selbst lassen und unseren Willen abstreifen, damit geschehen kann, was wir wirklich brauchen.

Stille statt Aktionismus

Wenn wir gemeinsam in der Stille sitzen und im Herzen verbunden sind, können wir ein mächtiges Feld* kreieren. Wachheit, Präsenz, Verbundenheit, Frieden, Liebe. Unsere Welt und dieser Planet brauchen einen neuen Modus. Die geschäftige Geschäftigkeit, das busy business, auch das politische und selbst das klima-politische ist in bisweilen der Versuch, durch Aktionismus etwas zu retten, was durch ähnlichen Aktionismus krank geworden ist.

Stiller Frieden ohne Waffen

In Tagen wie diesen haben auch wir wieder den Impuls, das Schwert zu zücken, wenn die Soldaten kommen. Letztlich aber werden nicht die Taurusse und das Tausend-Milliarden-Euro-Rüstungspaket und eine wieder eingeführte Wehrpflicht den Frieden bringen.

Die eigenen Schatten in den Blick nehmen

Selbst den Balken für das Kreuz trägt der Meister noch eigenhändig den Golgotha hinauf. Jetzt sind nur noch ganz wenige seiner Freunde präsent. Am Ende wird jede und jeder von uns durch seinen und ihren Schmerz selbst hindurch gehen und den eigenen Balken schultern, die eigenen Schatten in den Blick nehmen dürfen.

Erleuchtung auf dem Weg

Wenn wir die Kraft der Stille nutzen und uns unseren Schatten stellen, werden wir aufwachen. Auch wenn wir wie die Freunde des Meisters auf dem Weg nach Emmaus unterm Gehen und Reden manchmal wie blind sind. Im Gespräch, während wir gemeinsam unterwegs sind, teilen wir Wahrnehmungen, Erfahrungen. Freude und Sorgen. Erinnerungen und Hoffnungen. Vielleicht geschieht auch uns Erleuchtung erst, wenn der Fremde, den wir auf dem Weg getroffen und den wir zum Abendessen eingeladen haben, uns das Brot bricht. 

Der unerwartete Pfad

Der Weg in die Stille und zum Erwachen ist nicht der bequeme Forstweg sondern der manchmal durchs Dickicht und Dornengestrüpp führende Pfad. Doch die „Suche in sich selbst“ kann sich als der „unerwartete Pfad zur Erlangung von Erfolg, Glück (und Weltfrieden)“ entpuppen, wie der Untertitel der Originalausgabe von Chade-Meng Tans „Search inside yourself“ heißt. 

Die Kunst, die Welt zu retten

Das Weiterlesen dieses Buchs, das schon aus dem Jahr 2012 stammt, trifft bei mir gerade auf wundersame Weise damit zusammen, dass ich erst die letztes Jahr erschienene Taschenbuchausgabe des postum von Thich Nhat Hanh erschienenen „Zen und die Kunst, die Welt zu retten“ gelesen habe. 

Herzen aus Gold

Die beiden Autoren könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: hier der weltberühmte vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh, so schlicht wie liebe- und respektvoll Thay, ‚Meister‘ genant, der Erfinder des engagierten Buddhismus und Friedensaktivist seit an Seit schon Mitte der 1960er Jahre mit Martin Luther King jr. und dort Chade-Meng Tan, besser bekannt unter seinem Vornamen Meng, der „berühmte Ausnahmeingenieur“, so etwas wie „das inoffizielle Begrüßungskomitee des Unternehmens“ Google, einem der so genannten Tech-Giganten unserer Zeit. Und doch trifft sich in den beiden vielleicht genau das, was wir heute brauchen: Die, wie alle Zeitgenossen bestätigen, unglaubliche Präsenz des kleinen barfuß gehende spirituellen Mannes und Poeten und die unerwartet bei einem Konzern wie Google zu findende „soziale(r) Intelligenz“ eines Ingenieurs, seine „zauberhafte Mischung aus brillanter Systemanalyse und einem Herzen aus Gold“ (alle Zitate: Daniel Goleman im Vorwort des o.g. Buchs „Search inside yourself“ mit dem unglücklichen deutschen Untertitel „Optimiere dein Leben durch Achtsamkeit“.

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Meditation als Schlüssel

Ihre gemeinsame Botschaft: Meditation, ‚Zen‘, Stille und der Frieden in uns selbst wird die Welt retten. Auf einen anderen zu warten, gilt nicht mehr. Wir sind jetzt selbst gefragt. Wir waren gefräßig wie die Raupen; vielleicht haben wir bald den ganzen Planeten ausgebeutet. Es ist höchste Zeit für die große Transformation. Es ist an der Zeit, uns zu verpuppen. Verpuppen, Transformation, geht über die Stille und Schattenarbeit. Aus der verpuppten am Boden kriechenden Raupe schlüpft wie magisch der farbenfrohe fliegende Schmetterling. Nur über die Stille, die Arbeit an den eigenen Schatten und den vertrauensvollen Prozess der Hingabe werden wir selbst die Verwandlung zum Schmetterling erleben und wird mit uns der ganze Planet „eine neue Erde“**.

Stille Sammlung

Auf dass wir also in die Stille gehen und (auf-)wachen lernen. Sitzen üben, uns mit unseren Gedanken, Gefühlen und unserem Körper aushalten. Uns lassen lernen. Uns in Ruhe lassen. Nirgendwo hinwollen, außer (hier) zu sein. Zu allen Zeiten, über alle Kulturen und Religionen hinweg ist das (zusammen) sitzen ein Ritual, eine Kompetenz, die uns verbindet: mit uns selbst und über uns hinaus. Zehntausende von Jahre sind wir Menschen abends um das Feuer herum gesessen. Haben Geschichten erzählt. Und auch gemeinsam geschwiegen. Höchste Zeit, dass wir es wieder lernen und üben. 

Das ist das neue alte Ostern: Dass wir in der Stille unseres Herzens den Frieden finden und uns gemeinsam sammeln, wird die Welt retten.

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*Vgl. die Arbeit des HeartMath® Institute und den Dokumentarfilm „The1Field“. 

**Vgl. dazu auch das ebenso empfehlenswerte Buch von Eckhart Tolle: Eine neue Erde. Bewusstseinssprung anstelle von Selbstzerstörung.

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