Der Segen des Lebens

Vor wenigen Tagen hat er den 2. Geburtstag seines wiederbelebten Lebens gefeiert. Am 6. Februar 2023 ging es für meinen Zwillingsbruder buchstäblich um Leben und Tod. Glückliche Umstände, beherzte Menschen und, ich möchte es göttliche Fügung nennen, haben das durch einen Herzinfarkt mindestens auf Pause gedrückte Leben wieder in Gang gesetzt. Sein Spiel des Lebens durfte „in die Verlängerung“ gehen, wie er das selbst einmal bezeichnet hat.

Steves Blick auf seinen Hausberg. – Foto: Steve Heitzer. — Beitragsbild: Johanna Mühlbauer.

Fragiles Leben, dankbares Leben

Sein Körper hat sich verhältnismäßig schnell davon erholt. Im Herzen ist ihm eine gewisse Unsicherheit geblieben. Vielleicht ist dieses labile Lebensgefühl, so unangenehm es immer wieder für ihn ist, auch ein Glück, eine Kompetenz. Es hält ihn sensibel und wach für die Fragilität und damit das Geschenk, den Segen des Lebens.

„Hold on to the ones you love; keep ‚em Close to you“ – Bei einer Wandertour mit meinen Kindern und meinen Eltern auf den „Gallner“ im Bayerischen Wald.

Sunlight fell and reminded me that life can be so gracious sometimes
And I felt like everything around me was connected somehow

At night I hear the rhythm of the ocean as it breaks on the shore
And I think about all the things that I am grateful for

And they say, hold on to the ones you love
Keep ‚em close to you
And they say, hold on to this time we have
And let the light shine through

There are blessings all around you
Open up your eyes
Feel the sunlight fall upon you
Let it free your mind
There are blessings all around you
Take a step outside
Let your heart shine in a new light
See it come alive

Quelle: LyricFind

Songwriter: Matthew Carins / Ryan Henderson

Songtext von Blessings © Concord Music Publishing LLC, SC Publishing Dba Secretly Canadian Pub.

Hellwach am Leben

Steve hat letztes Jahr im Frühjahr, also nur etwas mehr als ein Jahr nach seinem Infarkt ein wundervolles Buch im renommierten Tyrolia-Verlag in Innsbruck veröffentlicht: „Hellwach am Leben. Auf dem Weg zu einer tragfähigen Spiritualität.“ Es ist weit mehr als eine Mahnung aus seiner Lebens-erfahrung (im besonderne Sinn des Wortes) heraus, das Geschenk des Lebens zu achten. Der „Stoff“ des Buchs versammelt Erfahrungen und Erkenntnisse aus mehr als zehn Jahren Achtsamkeit & Meditation/Kontemplation leben und lehren und das nebenbei in einem bald dreißig Jahre währenden pädagogischen Alltag mit Kindern.

Ein und Aus – atmend, fließend, lebend

Das Buch setzt an mit einem schlichten und gleichsam liebevollen „Ein“ und „Aus“, der Bewegung des Atems nachempfunden. Und zwischen „Ein“ und „Aus“ fließt tatsächlich ruhig und kraftvoll das Buch wie der lebendige Fluss des Atems und des Lebens: Vom „Einlassen“, Achtsamkeit als „der Kunst anzukommen“ (Erster Teil) über das „Dazwischen“, den „Alltag“ und den „Augenblick“ (Zweiter Teil), „Nein“ und „Ja“, „Widerstand und Hingabe“ (Dritter Teil), das Phänomen der „Krise“ im Leben, das Steve als „Tore und Wege“ beschreibt (Vierter Teil), das „Auslassen“ als die „Kunst der Endlichkeit“ (Fünfter Teil) und nochmal zurück zum Leben mit: „Wer bist du? Leben und Gegenwart“ (Sechster Teil).

Es vibriert in allen Sinnen

In (der) „Ein“(führung) zitiert Steve aus Andreas Bouranis Lied „Wieder am Leben“: „Es vibriert in allen Sinnen, ich saug das ganze Universum in mich auf.“ Tatsächlich vibriert es auch beim Leser mit allen Sinnen, wenn er in das Buch eintaucht. Es ist keineswegs „halt wieder irgendein Achtsamkeitsbuch“. Es ist so aus dem konkreten Leben geschrieben und gleichzeitig so reich an christlicher, buddhistischer und säkularer Weisheit, dass das Lesen einfach ganz große Freude macht. Das Buch entwickelt die Kunst des Lebens aus einer Haltung und Praxis der Achtsamkeit auf der einen und einer fundierten, religionsübergreifenden Spiritualität in herausfordernder Zeit heraus und macht sie so auf eine sehr konkrete Weise wirklich (be-) greifbar.

Und das ist noch lange nicht alles

Das Hardcover-Buch ist grafisch mit einer zarten Blattstruktur wunderschön gestaltet und liegt durch die Softtouch-Oberfläche wundervoll in der Hand. Diese besonders schöne Gestaltung des Buchs gönn ich meinem Bruder, der im Ganzen schon zur Askese neigt, sehr. Im Übrigen wurde es höchste Zeit, es hier in diesem Blog zu würdigen – steht doch das nächste (Steves drittes Buch insgesamt) schon in den Startlöchern und soll noch in diesem Sommer veröffentlicht werden. 

Warum bin ich (noch) da?

Mein Sohn Samuel hat dieses wundervolle Foto von meinem Zwillingsbruder und mir gemacht.

Steve hatte damals, einige Monate nach dem Crash im Herzen und der erfolgreichen Wiederbelebung in einem Gespräch mit mir sich offen die interessante Frage gestellt: „Warum bin ich eigentlich noch(mal) da?“ Warum hat es die göttliche Vorsehung so gefügt? Was darf er noch in die Welt bringen? Inwiefern ist seine Aufgabe, seine Mission für dieses Leben noch nicht beendet? Ich hatte sofort eine Antwort auf diese Fragen: Er hat uns mit seinen Seminaren, Vorträgen, Retreats, seinen Liedern und Büchern noch „so viel zu geben“, er hat wirklich – wie Andreas Bourani im oben erwähnten Lied „Wieder am Leben“ singt – „Kraft für zehn“ (Bücher)!

Steves Nachfrage, warum er denn eigentlich noch hier ist, darf uns alle an das eigene Warum erinnern. Warum bin ich da? Überhaupt am Leben zu sein, erst recht in Zeiten wie diesen und unter so privilegierten Umständen, ist wahrlich ein großes Geschenk, eine Gabe. Und es ist auch eine Auf-Gabe und birgt die Verantwortung, es nicht zu verpassen oder gar zu vergeuden. Das allerdings soll uns nicht stressen, im Gegenteil: Die Frage nach dem Warum darf uns täglich Motivation und Antrieb sein. Uns immer wieder neu in Aufbruchstimmung versetzen. Jeden Tag neu dürfen wir in das Abenteuer unseres Lebens und unserer Berufung eintreten und aufbrechen? Wer und was begegnet mir heute? Wo bin ich heute genau am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt? 

Vergessen wir dabei unsere spirituellen Werkzeuge nicht, das wunderbare Netz des großen Ganzen, von den Bäumen und der Erde unter unseren Füßen bis hin zu den Sternen; nicht unsere Heiligen und Heilande, die Blumen und Lehrer:innen der Menschheit, nicht den Herrgott oder die Götter und Göttinnen. Sie schlafen im Heck unseres Lebens. Und manchmal lohnt es sich, sie zu wecken – ob mit Worten, Übungen oder Zeremonien, ob in leuchtenden Farben und aufwändigen Ritualen, wie es die Menschen quer durch alle Zeiten getan haben. Und manchmal ist es besser, sich still hinzusetzen, nicht(s) zu tun, in wort- und sprachlosen Beziehungen zum großen Geheimnis. In all unserem Bemühen geht es allein darum, wach zu sein. Das Göttliche ist immer schon da. Hellwach sind wir verbunden und auf Empfang. Auf Empfang für den Puls, den Geist, die Seele des Lebens.

Steve Heitzer

Hier ist mein Bruder täglich unterwegs: im Viller Moor vor grandiosem Bergpanorama – Foto: Steve Heitzer

Hellwach im Tun und im Nicht(s)-Tun, im Lärm und in der Stille

Wir dürfen uns in einer immerwährenden Pendelbewegung zwischen Tun und Nicht(s)-Tun sein, zwischen dem Lärm des Lebens und seiner Stille einschwingen. In beidem können und dürfen wir hellwach sein. Der Segen des Lebens breitet sich gänzlich und sehr konkret immer dann aus, wenn wir im Vertrauen sind, dass das Leben immer für uns ist; dass es schon weiß, was wann gut und richtig für uns ist und wo wir gerade richtig sind. Für meinen Bruder – und alle, die das Buch bis zum Ende lesen: So wird die Frage nach dem Warum ganz von selbst zur Frage Was ist das? Mit Abenteuerlust und Vertrauen in den Tag und in den nächsten Moment gehen. Und wer und was uns auch immer begegnet, mit einem möglichst gelassenen und liebevollen „Ah, das also ist es – jetzt!“ zu begrüßen. Das ist dann im Übrigen nicht „die hohe Kunst des Lebens“, die man etwa durch außerordentlich viel Meditation erlangt. Wenn wir das glauben, hält es uns nur davon ab, es einfach zu tun. Das ist eine verblüffend-schöne Erkenntnis aus einem Buch von einem anderen großen Meister. Doch dazu ein anderes Mal in diesem Blog.

Besuche Steve Heitzer auf http://www.steveheitzer.at!

Die TOOLBOX ACHTSAMKEIT ist unsere Weiterbildung für alle, die nachhaltig in eine achtsame, resiliente und emotional intelligente Haltung investieren wollen. Am 3./4. Mai startet ein neuer Durchgang mit 6 Modulwochenenden. Eine wertvolle fünfmonatige Reise mit viel Auszeit und Ruhe für den eigenen Prozess und einen Schatz an Achtsamkeitstools im Gepäck für sich selbst und für die Arbeit, den Umgang und das Zusammenleben mit Menschen. Für Fragen einfach eine Mail an herz@cordat.org schreiben. Alle Infos unter http://www.cordat.org.

Wir, Nicki & Christian, in unserem Seminarraum – „raum für herzensbildung“, wo auch unsere Retreats und die Weiterbildung TOOLBOX ACHTSAMKEIT stattfinden. – Foto: Georg Schraml, Meditative Fotografie

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