Sentiero degli Dei. E Uomini. Pfad der Götter. Und Menschen

Die Ausblicke, die Landschaft, das Meer, die Klippen, die steile Küste, die pittoresken Dörfer und die Monti Lattari: Die Amalfitana ist sagenhaft. Im Hinterland der Dörfer, zu den Bergen hin gibt es unzählige Maultierpfade, die die Dörfer miteinander verbinden – bis heute. Der Wortschöpfung des süditalienischen Bergpioniers Giustino Fortunato (1848-1932)* ist der Name des hier zu findenden Gebirgspfads Sentiero degli Dei zu verdanken, der Pfad der Götter. Das Wandern darauf ist atemberaubend schön – eben ob jener göttlichen Ausblicke auf das Thyrennische Meer, die Küste und die Berge. Tatsächlich trifft man hier viele Menschen. Und die Götter? 

Immer wieder diese wundervollen Blicke, die Steilküste entlang bis hinüber zur Sorrentinischen Halbinsel und dahinter Capri. – Fotos: Christian Heitzer-Balej

(Halb-)Götter auf dem Weg zu den Sirenen

Es gibt die Erzählung, dass die Götter hier auf dem Weg zu den Sirenen waren. Die Sirenen, das sind jene weiblichen Wesen, die durch ihren Gesang vorbeifahrende Seeleute anlockten, was deren sicheren Tod bedeutete. Aus der griechischen Sagenwelt, näherhin Homers Odyssee wissen wir, dass Odysseus, der die Herausforderung unbedingt annehmen und den Gesang hören wollte, ohne dabei zu sterben, es durch einen Trick tatsächlich schaffte: den Seeleuten wurden mit flüssigem Wachs die Ohren verschlossen und er selbst an den Schiffsmast gebunden. Und auch wenn es in den verschiedenen Erzählungen dieses Mythos unterschiedliche Orte dieses Geschehens gibt, die Amalfitana entlang zu den Inselchen vor der Halbinsel Sorrent ist ein in der Literatur gemutmaßter Ort dieses Geschehens: Die Inselchen, die heute li Galli, „die Hähne“, heißen, in der Antike aber „Sirenusa“ sind der Sage nach die versteinerten Leiber der Sirenen, die sich aus Enttäuschung über die gelungene List von Odysseus (bzw. seiner Mentorin, der Zauberin Kirke) in den Tod stürzten.

In Badelatschen auf dem Pfad der Götter

Dass aus dem göttlichen ein allzu menschlicher Weg geworden ist, begann also noch vor Instagram & co, indem die spektakuläre Schönheit von Reiseführer zu Reiseführer wanderte. Heute, so hat es uns Roberto erzählt, der ein schönes kleines B&B im Bergdorf Agerola führt und bei dem wir zu Gast waren, geht das soweit, dass Touristen aus aller Welt von den Kreuzfahrtschiffen aus Napoli oder Salerno mit Bussen hierherauf in sein Dorf gebracht werden. Um dann bisweilen mit Adiletten statt Wanderschuhen und einer Plastiktüte anstelle eines Rucksacks in diesem alpinen Gelände unterwegs zu sein. Letzteres haben wir 1:1 so erlebt.

Im Sommer ist hier „die Hölle los“ 

„Kennt ihr Menschen, die ihr nicht mögt? Ich meine, habt ihr Feinde?“ – „Äh, eigentlich nicht, warum meinst du?“ – „Schickt sie im Sommer hierhier!“ Roberto, ein ruhiger, besonnener Zeitgenosse, liebt wie viele in den Bergdörfern den Sommer nicht (mehr). Da ist, wie man sagt: Die Hölle los. Und das auf dem Pfad der Götter… Wenn die schönen und schönsten Orte der Welt viral gehen, werden sie zu Hotspots. Die Infrastruktur wird überschwemmt und die Spots verlieren viel von ihrer Schönheit. 

Unser doppeltes Glück

Wir selbst hatten doppelt Glück. Auch wenn es kein einsames Wandern auf den Gebirgspfaden war und wir auch ganzen Gruppen begegnet sind, wir waren im Mai noch halbwegs frühzeitig dran. Und: Wir hatten Sonne, Licht und den Blick auf die Küste und das Meer, all das, was diesen Weg so wundervoll und zauberhaft schön macht. Noch in der Woche vor unserer Reise hatte es dort viel geregnet und direkt am Tag nach unserer Tour auf dem Sentiero hat das Wetter auch umgeschlagen.

Blick auf das heute weltberühmte, vor hundert Jahren noch bitterarme Fischerdorf Positano.

Weltreise nach Italien

Wir lieben es, draußen zu sein, unterwegs auf den schmalen Pfaden, jenseits der großen Straßen. Wir lieben es, zu Fuß zu gehen. Natürlich lieben wir die Sonne, dieses wundervolle und wunderschöne Land: Bella Italia. Wir lieben es, immer neue Landstriche in diesem Universum namens Italien zu entdecken. Wir lieben das immer und überall leckere Essen hier. Die Espresso-Kultur. Die Sprache. Und besonders die Menschen. Ihr Temperament, ihre Gastfreundschaft – solange die Touristen den Bogen nicht überspannen. Ich habe es in den vergangenen Wochen immer wieder so formuliert: Auf meiner Bucket-List steht nicht die übliche Weltreise. Ich wünsche mir eine „Weltreise nach Italien“. Einmal einige Monate Zeit, in Ruhe durch dieses faszinierende Land zu reisen. Vor allem weiter in den Süden, dorthin, wo ich noch nicht war, in die Abruzzen, nach Apulien und Kalabrien; und die beiden großen Inseln: Sardinien und Sizilien. 

Dem Göttlichen begegnen

Vielleicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob wir auf diesen Pfaden einsam unterwegs sind. Wir haben auf dem Pfad der Götter Menschen getroffen, die sportlich unterwegs waren, Trailrunner. Gruppen von Menschen, die ohne Unterlass geredet haben.

Auf dem Pfad der Götter darf die Schutzhütte der Götter nicht fehlen.

Und wir haben Menschen erlebt, die hauptsächlich gestaunt haben. Immer wieder stehen geblieben sind und geschaut haben. Natürlich auch Fotos gemacht haben. Man möchte diese unglaublichen Ausblicke irgendwie festhalten und mitnehmen. Nach wie vor haben dieser Weg und diese Landschaft etwas archaisch oder geradezu biblisch Schönes. Es gibt dort immer noch Hirten samt ihrer Tiere, Schafe und ihre Hüte-Hunde; Höhlen als Materiallager und sogar als Behausungen. Das Göttliche treffen wir an, wenn wir in Verbindung kommen mit der Präsenz des Schönen. Wenn wir aus den Gedanken an gestern und den Sorgen vor morgen den Raum der Gegenwart betreten und groß sein lassen. Wenn wir das Herz aufmachen. Lieben und uns lieben lassen von allem um uns herum: den Menschen, dem Meer, den Bergen, den Tieren, den Blumen, der Luft, der Sonne. Lieben und uns lieben lassen ist der Begegnungsraum mit dem Göttlichen. Lieben und uns lieben lassen ist das offene Geheimnis des Lebens. – Mehr zu diesem Geheimnis im nächsten Beitrag.

Präsenz, Achtsamkeit, Liebe – zur Welt, zu sich selbst, zum Leben. Im Herbst starten wir mit Modul 1 in einen neuen Durchgang unserer TOOLBOX ACHTSAMKEIT, einer Weiterbildung nicht nur für Führungskräfte, Coaches, Trainer, Berater sowie Menschen in sozialen, pädagogischen, therapeutischen und pflegenden Berufen: eine Weiterbildung, die das Zeug hat zu einer lebensverändernden Unternehmung. Sie gibt Gelegenheit, sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten mental, emotional und körperlich neu zu justieren. Eine Gelegenheit, zu einem mit sich selbst und über sich hinaus verbundenen, einem liebevollen und präsenten Menschen zu wachsen. Bis 30. Juni 2024 zum Frühbucherpreis!

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* Meine literarische Quelle für diesen Beitrag ist der wundervolle Reiseführer „Cilento und Amalfiküste“ von Peter Amann (REISE KNOW-HOW Verlag, Bielefeld 2022).

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