L’Atelier des Tartes. Dem Herzen folgen auf französisch

Sie empfängt uns noch draußen vor ihrem Tartes-Café. Freudestrahlend nimmt sie uns in die Arme, Aurèlie, die Französin wie man sich als Deutscher eine Französin vorstellt: hübsch, schlank, chic und mit rotem Lippenstift. Nur dass sie so gut wie keinen französischen Akzent erkennen lässt. Nicki hatte sie erst vor zwei Wochen auf einem Yoga-Retreat am österreichischen Irrsee kennengelernt.

Der übliche Fotobeweis für einen Aufenthalt in Frankfurt. – Alle Bilder dieses Beitrags: Christian Heitzer-Balej

Nur dass sie so gut wie keinen französischen Akzent erkennen lässt. Nicki hatte sie erst vor zwei Wochen auf einem Yoga-Retreat am österreichischen Irrsee kennengelernt.

Und wir, spontan, verrückt und wild, wie wir gerne sind, haben unser Deutschland-Ticket für einen Tagestrip nach Frankfurt genutzt.

Im Atelier einer Künstlerin

Wir treten hinein und finden eine klare, schlichte und schöne Innenarchitektur vor. Was schon deshalb nicht verwundert, weil sie selbst studierte Architektin ist. Natürlich habe ich sie gefragt, wie aus der Architektin eine Café-Betreiberin geworden ist, aber dazu später. Wir befinden uns in Aurèlies „Atelier“, wie sie es nennt. Ein Atelier ist die Werkstatt eines Künstlers, einer Künstlerin. Und tatsächlich sind Aureliès Tartes Kunstwerke. Voilá, bienvenue l’atelier des tartes, café & cantine.

Nicki, Aurélie und ich im Atelier des Tartes.

Von Frankreich nach Frankfurt

Ich frage sie nach ihrem fehlenden Akzent: Ja, sie ist zweisprachig aufgewachsen. In Frankreich und Brüssel zwar, ihr Vater ist Deutscher. Warum sie 13jährig in Frankfurt gelandet ist, dort, wo wir sie nun auch in ihrem Café treffen? Ihr Vater ist Banker… Ich frage sie, welche Sprache ihrem Herzen näher ist. „Hm, mittlerweile beide gleich“, sagt sie. Sie habe als Kind nur französisch gesprochen, auch ihrem deutsch sprechenden Vater immer auf französisch geantwortet. Seit sie in Deutschland ist, spreche sie aber natürlich hauptsächlich deutsch – auch wenn sie hier noch in einer französischen Schule war. Und doch: Wenn sie tief in ihr Herz hineinhorcht, ist Französisch schon ihre sprachliche Heimat. Zumindest, so sagt sie, vermisst sie es, wenn länger kein französisch sprachiger Besuch in ihr Café kommt. Tatsächlich hat sich ihr Café über die neun Jahre auch zu einem kleinen Treffpunkt für Franzosen und überhaupt für Reisende entwickelt.

Ein Abstecher in die alte und die neue Altstadt von Frankfurt war bei unserem Tagestripp noch drin.

Vom Kuchen to go zum eigenen Café

Sie hat nach dem Studium nicht sehr lange in einem Architekturbüro gearbeitet. Hatte ein Erlebnis, das sie kündigen ließ. Sie hat sich gefragt, was sie mit ihrem Leben machen möchte. An einer Café-Tür im Viertel hat sie dann gelesen, dass jemand gesucht wird, der 1-2 mal die Woche einen Kuchen backen würde. Darauf hatte sie Lust. Zuerst hat sie daheim in der kleinen Küche gebacken. Bis ihr damaliger Partner meinte, sie solle sich bitte eine größere Küche zulegen, weil er sich in der Früh wegen der besetzten Küche nicht mal Kaffee machen könne. Daraufhin hat sie sich tatsächlich eine Küche in ihrem Wohnviertel gemietet. (So etwas gibt es zur Überraschung von Landeiern, wie Nicki und ich es geworden sind, in einer Großstadt wie Frankfurt.) Und dann hat sie drei Jahre lang Kuchen gebacken für mehrere Cafés und diese mit dem Rad dorthin gebracht.

Ständig sie selbst

So reifte in ihr der Gedanke, ein eigenes Café zu betreiben. Und sie fand in einem Neubau im immer noch gleichen Viertel eine Gelegenheit. Noch dazu mit der Möglichkeit, als gelernte Architektin (!) über ein ganzes Jahr die Entwicklung der Räumlichkeit zu verfolgen und zu begleiten und in aller Ruhe alles selbst (mit) zu gestalten. „Bis hin zur Klobürste“ hat sie alles selbst ausgesucht, wie sie lachend erzählt. Und ja, eine Frage, die ihr ständig gestellt wird: Sie mache alles selbst. Und allein. Sie bäckt und kocht (es gibt auch einen Mittagstisch mit pikanten Tartes) selbst und sie betreibt das Lokal ganz allein. Mein Eindruck ist, Aurèlie ist – gemäß eines Coaching-Bonmots – im durchwegs guten Sinne ganz und „ständig sie selbst“ und nicht eine der im Hamsterrad getriebenen „Selbst(und)ständigen“.

Betreiberin, Köchin, Bäckerin, Servicekraft, Seelsorgerin

Nicht selten ist sie, so erzählt sie, Seelsorgerin. Der Mensch, mit dem man immer reden kann. In der Corona-Zeit sei sie für manche in dem Viertel oft die einzige Gesprächspartnerin des Tages gewesen. Sie konnte über ein Fenster „to go“ verkaufen und hatte neben dem Supermarkt um die Ecke als einzige offen. Ihr Café & Cantine hat von Dienstag bis Samstag und von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Vor Corona schloss sie um 19 Uhr. Doch sie hat gemerkt, dass ihr die Verkürzung gut tut. Wenn man bedenkt, dass sie oft schon um 3 / halb 4 Uhr mit dem Backen und Kochen beginnt, ist das schon bis 17 Uhr ein 14-Stunden-Tag. Und dann ist noch nicht aufgeräumt und sauber gemacht. Sie lächelt dabei, als sie sagt, dass sie praktisch täglich Doppelschichten macht. Seit neun Jahren macht sie das so. Und sie sagt noch, dass ihr das nichts ausmacht, weil sie lebt, was sie liebt. Anders ginge es auch nicht. 

Essen ist nie nur Essen, sondern Erinnerung. Ein Moment, der in einem Essen wieder zum Leben erwacht. Es ist Freundschaft, Zuneigung. 

Letitia Clark: Vom Glück der Langsamkeit. In: happinez 7/2023, S. 76.

Himmlisch-französisches Essen

Das Essen, die pikante Kürbis-Pilze-Tarte  mit einem zauberhaft durch Himbeeren, Heidelbeeren und Minzeblättern verfeinerten Salat, das Linsensüppchen davor und die süßen Schoko- bzw. Aprikosen-Tartes danach und selbst der dazu servierte espresso und der café au lait schmecken himmlisch lecker. Heißt es nicht „Essen wie Gott in Frankreich“? Als wir uns verabschieden, danke ich ihr für das schöne Lebensbeispiel, das sie gibt. Ja, so geht Purpose und Courage; so geht „dem Herzen folgen“! Hier auf französich und mit „café & cantine“. Unsere Herzensempfehlung für alle, die mal in Frankfurt sind, oder – unserem Beispiel folgend – wild und verrückt genug sind, extra für Tartes & Café zu Aurèlie zu fahren.

Am 15. Oktober laden Nicki und ich mit unserem Herzensprojekt cordat zu einem Tagesretreat auf Gut Hötzing. Wir freuen uns von Herzen auf eine Begegnung an diesem zauberhaften Ort!

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