„In der Wildheit liegt die Bewahrung der Welt“ (H.D. Thoreau)

Zweifellos stehen wir sowohl mit unserem gesamten Planeten wie auch in unserer Gesellschaft und viele von uns auch direkt persönlich inmitten großer Herausforderungen. Es wird gerade heftig gestritten, wie der Planet zu retten wäre und auch darüber, wie diesem Krieg, der Inflation und all den anderen gegenwärtigen Krisen zu begegnen wäre.

Wiederverbindung mit der eigenen Natürlichkeit

Draußen sein. Das Wilde und das Schöne wahrnehmen. Was wie eine notwendige Übung ist, ist gleichzeitig das heimliche Glück unseres Daseins. – Das Titelbild, dieses und die nächsten Fotos: Samuel Heitzer.

Wie ich in diesem Blog immer wieder schon ausgeführt habe, sehe ich den Grund für das entstandene Desaster hauptsächlich in der Entfremdung der Menschen von der Tatsache, dass sie selber Natur sind und wir nur in der Wiederverbindung mit unserer Natürlichkeit, mit dem Wiedereintritt in die Kommunikation mit allen Wesen auf diesem Planeten eine Chance haben auf ein Überleben als Spezies. Diese Spur sehe ich jetzt bekräftigt durch die Lektüre eines ebenso klugen wie weisen Buchs, mit dem ich vor einiger Zeit von einem Freund beschenkt wurde: „The Great Work“ von Thomas Berry, im deutschen Titel „Das Wilde und das Heilige. The Great Work – unser Weg in die Zukunft“, Arun-Verlag 2011; ein Buch, das The Bloomsbury Review als „die moderne Entsprechung der biblischen Offenbarung“ bezeichnet hat.

In der Wildheit liegt die Bewahrung der Welt.

Henry David Thoreau

Vom Fluch der „Zivilisation“

Schon Thoreau erkannte Ende des 19. Jahrhunderts, was in der Menschheitsgeschichte schief läuft und formulierte, was diesem Beitrag als Überschrift dient. Und Thomas Berry baut darauf auf: „Wir (Menschen, C.H.) missverstehen unsere Rolle, wenn wir annehmen, unsere historische Mission bestünde darin, den Planeten zu ‚zivilisieren‘ oder zu ‚domestizieren‘, als ob Wildheit etwas Destruktives anstatt die ultimative schöpferische Seinsform jeglichen Wesens wäre“ (ebd. S. 55). Das große Drama, die unendlich leidvolle Tragödie der „Eroberung der neuen Welt“, der „Entdeckung“, also Unterwerfung des amerikanischen Kontinents durch die Europäer und ihre Kolonialisierung auch des afrikanischen Kontinents und von Teilen Ozeaniens, der Wahn, man müsste „die wilden Naturvölker zivilisieren“, hat diesem Erdball eine Wunde zugefügt, von der er sich bis heute nicht erholt hat.

Wir sind nicht hier, um zu kontrollieren. Wir sind hier, um mit der größeren Erdgemeinschaft eine Ganzheit zu bilden.

Thomas Berry

Wildheit als Spontaneität als tiefstes Mysterium

Nach Thomas Berry hat „die Gemeinschaft selbst und jedes seiner Mitglieder letztlich eine Dimension der Wildheit, eine kreative Spontaneität als tiefste Realität und tiefstes Mysterium.“ (55). Wildheit ist der so wichtige Gegenspieler der Ordnung. Wildheit steht für die expansive Kraft, die letztlich eine Fortsetzung des Auseinanderstrebens der Materie ist. Die Ordnung dagegen ist Ausdruck der Gravitation, der Kraft also, die versucht die Dinge zusammenzuhalten. Die Geschichte des Menschen auf diesem Planeten ist auf das Projekt der „Zivilisation“ hinausgelaufen. Das heißt, das Ordnungsprinzip hat beim Menschen auf so tiefgehende Weise die Oberhand bekommen, dass er dabei ist, mit seinem Domestizierungs-, das heißt Ausbeutungs- und Kontrollwahn die Grundlagen von Leben auf diesem Planeten zunichte zu machen.

Einfach mal wieder das Zelt aufschlagen und eine Nacht draußen verbringen. Eintauchen in die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft.

Wildheit als „Springquell der Kreativität“

Was wir heute Zivilisation nennen, war das „ungeheure Bemühen der vergangenen zehntausend Jahre, die natürliche Welt unter menschliche Kontrolle zu bringen. Solch ein Bestreben sollte wohl auch die innere Wildheit des Menschen selbst zähmen“, was letztlich dazu führte, „das große schöpferische Potential des Menschen auf dürftige Ausdrucksformen zu reduzieren.

Wildheit können wir als Wurzel jeglicher authentischen Spontaneität jeden Wesens ansehen. Sie ist der Springquell der Kreativität.

Thomas Berry

Wer uns in Sachen Wildheit auf die Sprünge helfen kann

Es ist an der Zeit, sich mit der Wildheit um und in uns wieder zu verbinden. Selbstverständlich können uns hierbei die indigenen Völker und ihre Schamanen eine große Unterstützung sein. Sie haben Wildheit immer in Ehren gehalten und wissen um ihre Kraft, ihr schöpferisches Potential, das der Mensch und der ganze Planet als Spannung und Lebendigkeit erzeugendes Gegenüber zur Ordnung braucht, um zu überleben.

In allem lebt eine letztendliche Wildheit. Weisheit in jeder menschlichen Handlung beginnt zweifellos mit einer Ehrfurcht vor dem ursprünglichen Mysterium des Seins, da uns die Welt erschaudern lässt. Wir richten nicht über das Universum. Höchstens richtet das Universum nun uns.

Thomas Berry

Wie wir uns der eigenen Wildheit wieder annähern

Im Rahmen unserer Seminare und Workshops sind wir mit unseren Teilnehmer*innen gerne draußen, begeben uns als Naturwesen, die wir ja selbst sind, inmitten unsere natürlichste Umgebung und wiederverbinden uns mit ihrem Geist und Material. – Dieses, das vorherige und die folgenden Bilder: Christian Heitzer-Balej

Wir dürfen der Wildheit in uns und all ihren Ausdrucksformen wieder vertrauen – und auch einiges zu-trauen. Im Außen kann das heißen, sich wieder öfter den Bergen, dem Wald, Wind und Regen, der Sonne, der Wüste, dem nackten Boden auszusetzen, tanzen, ja, wild tanzen, ekstatisch sein. Im Inneren dürfen wir uns an tiefe Emotionen, an wilde Gefühle herantasten, sie wahrnehmen und zulassen lernen. Und natürlich dürfen und müssen wir auch wieder einmal etwas Verrücktes tun. Wildheit, Spontaneität, Kreativität sind not-wendiger denn je in Zeiten wie diesen. In Zeiten, wo bisherige Systeme, Modelle und Antworten nicht mehr greifen.

Wenn wir uns unserer Wildheit zuwenden, werden wir nicht nur neue Lösungen finden. Wir nähern uns uns selbst. Unserer natürlichsten Version, unseren authentischen Emotionen, dem mit allem in diesem Universum verbundenen Kern. Wir kommen in Einklang, in ein Verständnis unserer selbst und gleichzeitig in Verbindung mit allem, was lebt und ist.

Im Rahmen des 8. Geburtstags von cordat herzensbildung wollen wir am Sonntag, 6. August auf Gut Hötzing auch die Wildheit ehren. Der Mut der Wildheit ist einer der wichtigsten Geburtshelfer unseres Unternehmens gewesen. Deshalb wollen wir bei unserem Summer Special Workshop uns in Yoga und Achtsamkeit üben und auch ausgelassen tanzen und feiern. Wir freuen uns über alle, die mit uns üben und tanzen, auf dass auch unsere Herzen vor Freude hüpfen!

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